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Wie der Sänger Chris Rea seit zehn Jahren mit Krebs und Diabetes umgeht

Wenn Balladensänger Chris Rea, 68, spazieren geht, kommt es manchmal vor, dass ihm jemand „Whipple“ zuruft und ihn wie einen Helden begrüßt. „Whipple“ ist so etwas wie ein Erkennungszeichen unter Patienten, die eine Krebsoperation an der Bauchspeicheldrüse überstanden haben, bei der Drüse, Gallenwege und Dünndarm teilweise entfernt wurden.

Wenn Balladensänger Chris Rea, 88, spazieren geht, kommt es manchmal vor, dass ihm jemand „Whipple“ zuruft und ihn wie einen Helden begrüßt. „Whipple“ ist so etwas wie ein Erkennungszeichen unter Patienten, die eine Krebsoperation an der Bauchspeicheldrüse überstanden haben, bei der Drüse, Gallenwege und Dünndarm teilweise entfernt wurden. Die meisten dieser Patienten sterben trotzdem innerhalb von sechs Monaten nach der Krebsdiagnose. Patrick Swayze (gestorben 2009) schaffte es gerade einmal eineinhalb Jahre weiterzuleben. Chris Rea nun schon zehn. „in England gibt es nur 32 von uns ohne Bauchspeicheldrüse“, erzählte Rea beinahe stolz und lacht. „Wir fühlen uns wie Geschwister. Wenn wir uns treffen, vergleichen wir unsere Pillen und fachsimpeln wie Weinkenner.“

 

Chris Rea erzählt von seinem Leben. Seine Stimme klingt noch immer nach Whisky, Zigaretten und Honig, doch ist er nicht mehr der Gleiche wie vor der Operation. Die Hälfte seines Magens fehlt; nach der Therapie und sieben größeren Eingriffen ist er Diabetiker, schluckt 34 Pillen am Tag, spritzt siebenmal Insulin. Aber er hat sich inzwischen daran gewöhnt. Als er nach der Krankheit seinen Weg zurück ins Leben suchte, wurde ihm klar, wie verrückt sein Leben zuvor war und wie viele schöne Dinge er vermisste. Er meint die einfachen Dinge des Lebens: blauer Himmel, Sonnenschein, ein Spaziergang durch den Wald. Er verkauft nicht mehr fünf Millionen Exemplare von einem Album, aber er kann dafür die Sachen tun, die er wirklich machen möchte.

 

Auf dem kleinen Tisch in seinem Hotelzimmer steht eine Schale mit Pralinen. Der Diabetiker verweigert tapfer. Sein jüngstes Best-of-Album nannte Chris Rea nicht ohne Grund “Still So Far To Go…“ – „Noch so weit zu gehen“. Er war weit oben, als er die Diagnose bekam. Mit über 20 Millionen verkauften Alben gehörte er schon damals zu den erfolgreichsten britischen Künstlern aller Zeiten. Er war in den US-Charts, hatte mehrere Häuser in England und Frankreich, einen Ferrari in der Garage und zwei bildhübsche Töchter. Doch seit der Diagnose wurde sein Leben zum Marsch auf dem Minenfeld. Erst vorletztes Jahr kam der Krebs zurück. Rea hatte zwei Operationen – und besiegte die Krankheit wieder. „Man weiß nie, was kommt“, sagt er heute.

 

Wie oft er zum Arzt gehen muss? Chris Rea lacht, weil lachen hilft. „Zum Arzt? Die Frage ist eher, wie oft ich wegen Durchfall auf die Toilette muss!“ Er hätte jeden Grund, mit dem Schicksal zu hadern, doch dafür ist er nicht der Typ. „Das Problem sind eher die Schmerzen.“ Im Krankenhaus wurde Rea vorübergehend zum Junkie. „Ich habe die Morphiumspritzen gesammelt und unter meinem Kissen versteckt, um mir mehrere auf einmal zu spritzen. Wegen meiner Familie habe ich dann aufgehört.“

Letztlich war es aber die Begegnung mit einer 17-jährigen Krebspatientin, die ihn zum Umdenken bewegte. „Wir tanzen jetzt beide auf einer steinigen Straße“, sagte sie zu ihm. Und Rea dachte: „Wenn dieses junge Mädchen das schafft, schaffe ich es auch.“ Kämpfen. Weitertanzen. Fünfmal die Woche trainiert er zum Muskelaufbau im Fitnessstudio.

 

Man könnte nun denken, der 58-jährige habe sein Leben entschleunigt, doch das ist nur bedingt richtig. Für dieses Jahr hat er neben der Europa-Tour auch noch eine Autobiographie und ein Album mit neuen Songs geplant. Er fährt weiterhin leidenschaftlich Autorennen, tut nur das, was er wirklich will: Musik machen, bis es irgendwann zu Ende ist. „Auf Tour zu sein ist für mich wie Urlaub.“

 

Auch das Rauchen hat er nicht aufgegeben. „Ich bin ja kein Heiliger geworden“, sagt Rea. „Ohne Zigaretten hätte ich die Wochen im Krankenhaus nicht überlebt. Du hast Schmerzen, starrst auf die Uhr. Es ist zwölf. Und gefühlte vier Stunden später starrst du wieder hin – und es ist zwei Minuten nach zwölf.“

Doch der Aufenthalt hatte auch seine guten Seiten. Rea begann zu malen. Und seine Ehe ist intensiver geworden. „Früher habe ich mir Gedanken über alles andere gemacht – eine größere Küche, ein neues Auto. Jetzt sehe ich einen wunderbaren Menschen, den ich vorher gar nicht so wahrgenommen habe.“ Vor 41 Jahren hatte der Sänger seine Jugendliebe Joan, heute 58, geheiratet, beide waren 16. „Sie kam zu spät zur Hochzeit, jawohl, ich werde das jedem erzählen!“, sagt Rea und lacht herzlich. Dann greift der Diabetiker doch in die Pralinenschale. Auch Helden können nicht immer stark sein.

 

Chris Rea – Fakten

 

Christopher Anton Rea, Künstlername: Chris Rea, (* 4. März 1951 in Middlesbrough, England) ist ein britischer Sänger, Musiker, Komponist und Gitarrist italienisch-irischer Abstammung

 

Musikalische Besonderheiten 
Reas Markenzeichen ist der Slidestil auf seiner Fender Stratocaster (Spitzname Pinky), aber auch anderen Gitarren. Die Einleitung zu Chris Reas Titel Nothing to Fear gilt als Meilenstein der modernen Slideguitar-Technik

Rücktritt vom Rücktritt: Der englische Rockstar geht wieder auf Tour und hat neue Pläne

 

Privatleben

Er ist verheiratet und hat mit seiner Frau Joan zwei Töchter (Josephine, * 1983 und Julia Christina, * 1989). Seiner Frau sowie den beiden Töchtern hat er eigene Musiktitel geschrieben, die allesamt Hits wurden (Stainsby Girls, Josephine und Julia)