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Wer bezahlt „Therapie-Aktiv“-Schulung?

Großer Ärger und Verunsicherung bei Wiener Patienten: Die Wiener Gebietskrankenkasse verrechnet die Schulungskosten nur noch mit Kassenärzten direkt. Wahlärzte müssen ab sofort die Schulungskosten ihren Patienten verrechnen und die können sich dann von der Kasse den von ihr vorgesehenen Betrag zurückholen.

Großer Ärger und Verunsicherung bei Wiener Patienten

(Wien – PPH 01-04-2019) Der erste Aufschrei kam aus der renommierten Schulungspraxis von Prof. Dr. Kinga Howorka in Wien-Hernals: „Die Wiener Gebietskrankenkasse verrechnet die Schulungskosten nur noch mit Kassenärzten direkt. Wahlärzte müssen ab sofort die Schulungskosten ihren Patienten verrechnen und die können sich dann von der Kasse den von ihr vorgesehenen Betrag zurückholen.“ Die berechtigte Sorge: besonders sozial schwache Patienten können sich die Vorauskasse nicht leisten und nehmen daher an den dringend notwendigen Schulungen gar nicht teil.

Dr. Adalbert Strasser, Obmann der ADA, wurde aktiv. Er organisierte einen Gesprächstermin in der Wiener Gebietskrankenkasse, an dem erstmals Vertreter aller heimischen Diabetes-Organisationen teilnahmen. Im Vorfeld hatte Dr. Susanne Pusarnig Stellungnahmen verschiedener Patienten zur neuen Situation eingesammelt.

Wie hätten Sie reagiert, so die Frage an insulinspritzende Patienten, wenn sie die Kosten von 260 Euro für den Kurs vorab hätten bezahlen müssen?

Frau E.C., 57 Jahre: „Ganz klar, das hätte ich nicht gemacht!“

Herr G. S., 39 Jahre: „Naja, leisten hätte ich es mir können, sowas sind wir halt nicht gewohnt bei Doktor. Ich glaube, ich hätte mich rausgeredet mit viel Arbeit oder so. Das wäre aber sehr schade gewesen.“

Frau M. H., 98 Jahre: „Ich finde das empörend. Jetzt könnte ich es mir leisten, aber wissen Sie wie lange 200 Euro in meinem Leben unmöglich aufzubringen waren?“

Herr W. P., 56 Jahre: „Ganz! Sicher! Nicht!“

Mit diesen Patientenstimmen und einem gemeinsamen Statement von ADA, ÖDV, Diabär und Diabetes Austria trafen Vertreter eben dieser Organisationen auf Vertreter der Wiener Gebietskrankenkasse.

Die waren grundsätzlich sehr gesprächsbereit und bekundeten durchaus Verständnis für die vertrackte Situation, erklärten aber auch die grundsätzliche Problematik.

Denn einerseits war „Therapie Aktiv“ bisher ein jahrelanger Testlauf, der nunmehr in die reguläre Versorgung aufgenommen wurde. Klingt gut, ist es aber nur bedingt. Denn: im Testlauf konnten auch Wahlärzte an dem Programm teilnehmen. Seit „Therapie Aktiv“ vom Testlauf in den Regelbetrieb übernommen wurde, können nur noch Mediziner mit einem Kassenvertrag die Schulungen direkt verrechnen. Alle anderen Ärzte müssen – so will es das Gesetz – ihre Schulungskosten den Patienten verrechnen und die können diese Kosten mit den Kassen verrechnen.

Nachsatz: dass manche Wahlärzte für Schulungen mehr verrechnen, als den von der Kassa vorgesehenen Höchstsatz, steht auf einem anderen Blatt.

Aber warum funktioniert es in allen anderen Bundesländern? Die Gründe dafür liegen in der unterschiedlichen Finanzierung der Schulungen. Alle anderen Kurse in den Bundesländern werden auch von der jeweiligen Landesregierung finanziell unterstützt. In Wien – so das unausgesprochene Argument – stehen ohnedies Zentren zur Verfügung, in denen Schulungen angeboten werden (allerdings wartet man dort mitunter Wochen und Monate)

Zusätzlich wird gerade ein knapp unter 100.000 Euro liegender Job ausgeschrieben, mit dem die fehlenden Schulungsplätze abgesichert werden sollen. Eine einfache Rechnung ergibt, dass – basierend auf den Kurskosten von 260 Euro – damit nur rund 400 Patienten pro Jahr geschult werden können. Bei rund 200.000 Erkrankten in der Bundeshauptstadt ist das wohl nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Wie´s weitergehen soll, wissen auch die Vertreter der Gebietskrankenkasse nicht. Durch die geplante Zusammenlegung der Krankenkassen zur Österreichischen Krankenkasse kann und will derzeit niemand zu künftigen Erlässen, Bestimmungen oder Ähnlichem äußern.

Markanter Schlusssatz: „Wir wissen derzeit nicht einmal, ob und in welcher Form wir selbst 2020 bei der Gebietskrankenkasse arbeiten werden.“