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TV-Legende Sigi Bergmann: Seine 20. Olympischen Spiele wurden zum Box-Marathon

40 Jahre Boxsport und 3500 Kämpfe waren nicht genug. Bereits zum zwanzigsten Mal hat TV-Legende Dr. Sigi Bergmann für den ORF Boxkämpfe bei Olympischen Spielen kommentiert und damit über weitere 280 Kämpfe berichtet. Für DIABETES AUSTRIA zog der seit mehr als 40 Jahren insulinpflichtige Diabetiker eine Bilanz.

Sigi, du bist zum 20. Mal ORF-Olympia-Reporter, erinnerst Du Dich noch an die Anfänge?

Dr. Sigi Bergmann: Das erste Mal hab ich über Mexiko und das zweite Mal über München berichtet. Damals sind wir noch nicht vor Ort gewesen, sondern ich hab in Wien die ganzen Zusammenfassungen zusammengestellt. Wir wurden dann von mal zu mal aktueller. Eingearbeitet hab ich mich ab 68, da gab´s noch kein Farb-TV, keine Computer, keine Wikipedia etc. Wir sind zehn Tage früher rüber gefahren, um uns vor Ort einige Daten zu erbetteln. Die Recherche war sehr mühsam, weil die offiziellen Biographien zur Täuschung des Gegners oft gefälscht war. Heute ist das viel einfacher, ein Kinderspiel gegen damals. Manche Teilnehmer durften gar nicht mit uns reden.

Heuer hast Du Deinen 20. Olympiaeinsatz hinter Dir – du musstest mehr als 200 Kämpfe kommentieren.

Dr. Sigi Bergmann: Ich musste 267 Kämpfe kommentieren, in zehn Gewichtsklassen. Erstmals in der 100jährigen Geschichte der Olympischen Spiele der Neuzeit durften auch Frauen boxen, die haben seit 1904 in St. Louis dafür gekämpft und wurden verlacht. 108 Jahre später wird in London der Traum der schlagkräftigen Frauen Realität – allerdings nur in drei Gewichtsklassen 51/60/75 Kilo (Fliegen-, Halbwelter- und Halbschwergewicht)

War das ein Erfolg?

Dr. Sigi Bergmann: Die technischen Qualitäten der weiblichen Boxer haben in den letzten 15 Jahren gewaltig zugenommen, aber natürlich gibt es noch immer die Meinung, dass es furchtbar ist, wenn sich Frauen so verprügeln. Bereits beim Shakespeare gibt es Frauen, die sich zwicken, kratzen und in den Haaren liegen. Diesmal waren die Haare unter einem Boxhelm versteckt, aber es ist schon so, dass sich weibliche Auseinandersetzungen nicht nur auf Intrigen beschränken.

Du bist zwar auch mit Diabetes Routinier bei Olympia, aber es ist doch jedesmal eine besondere Herausforderung, oder?

Dr. Sigi Bergmann: Ich sah es als Exerzitien. Als alter Mann stelle ich mich einem Team, die alle Söhne oder Enkelsöhne sein könnten. Was mir extrem geholfen hat, war genau dieses Team, die mich sehr getragen haben. Das ist nicht üblich in unserer Branche. 
Etwa war ich bei technischen Sitzungen völlig ahnungslos und da haben mir alle Jungen sehr geholfen. Ein einsamer süßer diabetischer Wolf. Bin allein jeden Tag zu meiner Boxhalle bei den Royal Docks gefahren, relativ weit draußen. Riesige Halle mit 350.000 m², die unterteilt war. Jeden Tag mit Bus drei Stunden hin und zurück und habe fünf bis sechs Stunden übertragen, erstmals keine Pausetage, an den ersten zehn Tagen bis zu 25 Kämpfe pro Tag kommentiert. Es gibt ja auch kein Unentschieden, sondern Punktesystem.

Du bist zwar gut geschulter FIT-Patient und flexibel, aber ich stelle mir die Routine während solcher Spiele doch schwierig vor.

Dr. Sigi Bergmann: Es gibt jede Möglichkeit von Fallen und Hindernissen, die man überwinden muss. Man wartet stundenlang, hat nicht immer ein Zuckergetränk dabei und vieles mehr. Ich möchte mich an dieser Stelle sehr herzlich bei Frau OA Dr. Heidemarie Abrahamian und OA Dr. Silvester Berger aus Aflenz. Diese beiden haben mich da mit dem notwendigen Selbstvertrauen ausgestattet. Vor allem die Akzeptanz der Krankheit muss man akzeptieren. Früher konnte ich dort auch zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen, wenn irgendwas unklar war, aber das war heuer nicht notwendig.

Bei Hochsicherheits-Spielen wie sie seit der Tragödien von München üblich sind, wird wohl auch jedesmal das Diabetes-Tascherl mit Spritzen und Insulin überprüft?

Dr. Sigi Bergmann: 4- bis 5 mal pro Tag musste man Sperren überwinden und dort alles von Uhr bis Schlüssel und natürlich auch den Beutel mit Insulin abgeben. Ich hab den Kontrollen immer erklärt, dass ich insulinpflichtiger Diabetiker bin. Innerhalb kürzester Zeit war ich dort draußen bekannt. Und die Damen an den Kontrollstellen waren immer sehr sehr nett, haben mich mit „Hello our sweet Viennese Boy“ begrüßt. Die haben dann meinen Insulinbeutel weiter gereicht und waren enorm freundlich. 
Eine dieser Damen hat mir nach zehn Tagen eine köstliche diabetische Leckerei, einen Kuchen mit. Ich fand grandios, dass bei all der Kontrolle und Technik noch Platz für so viel Menschlichkeit blieb. Egal ob Soldaten, Polizisten, Hilfskräfte oder Securities.

Wir warst du mit den Reaktionen auf deinen Einsatz zufrieden?

Dr. Sigi Bergmann: Insgesamt habe ich sehr positive Kritiken bekommen, was mich natürlich freut. Mit einer Aussage hab ich es bei der Kleinen Zeitung sogar in eine Sammlung der besten Olympiasprüche geschafft: ("Eine Gewichtsklasse, in der in Österreich nur wenige Volksschüler boxen könnten.“ Sigi Bergmann beim Box-Finale der Klasse bis 49 kg zwischen dem Chinesen Shiming Zou und dem Iren Paddy Barnes.) 
Nur einmal gab es kritische Zwischenrufe. Beim Finale. Für Oleksandr Usyk aus der Ukraine, der Hobbydichter ist, reimte ich stellvertretend einen Vierzeiler, in dem ich seinen Gegner Clemente Russo aus Italien als „Katzelmacher“ bezeichnete. Der Aufschrei der Empörung war groß und mir tut´s echt leid, weil ich niemanden beleidigen wollte.

Und willst Du beim nächsten Mal wieder dabei sein?

Dr. Sigi Bergmann: Wenn es meine Gesundheit erlaubt und mich der ORF wieder entsendet, warum nicht. Dadurch verblöde ich nicht komplett, sondern kriege den Rost wieder ein bisschen vom Geistesmotor runter."

Das Gespräch führte Peter P. Hopfinger

 

Foto:(c) Veronika Kub