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So geht Ernährung bei Diabetes

Wie sollten sich Typ-1- und Typ-2-Diabetiker ernähren? Ein Diabetes-Experte gibt Tipps – und nimmt das Wort "Diät" dabei wörtlich. Aber nicht im herkömmlichen Sinn...

Von Prof. Hellmut Mehnert*/ www.aerztezeitung.de/

Ernährungs- und Bewegungstherapie sind unentbehrliche Grundlagen für die Behandlung von Typ-2- und Typ-1-Diabetikern. Beide Behandlungsformen könnte man durchaus zusammen als „Diät“ bezeichnen, denn die ursprüngliche Bedeutung des entsprechenden griechischen Wortes „Dietaia“ ist ja „Lebensweise“.

Es hat sich aber eingebürgert, unter Diät nur die Ernährung zu verstehen. Letztere hat sich zu richten nach zwei unumstrittenen Grundsätzen: kaloriengerechte Kost und ballaststoffreiche Ernährung. Bei den Beratungen sollt man darüber hinaus unbedingt auch auf „Nichtrauchen“ drängen.

Bei der Beratung gilt der Grundsatz: „Die Personenwaage ist wichtiger als die Küchenwaage“. Das heißt, eine kalorienreduzierte Kost lässt sich nicht gut umsetzen, wenn ein Mensch ständig Kalorien berechnen soll.

Es hat sich vielmehr bewährt, dass man Patienten im Beratungsgespräch zunächst nach ihren bevorzugten Speisen und Getränken fragt und darauf die Empfehlungen zur Kost anhand von Beispiel-Rezepten aufbaut. Je nach Körpergewicht ist eine Reduktionskost zu empfehlen. Diese ist nach den Erfahrungen indiziert bei immerhin 85 Prozent aller Typ-2-Diabetiker und 50 Prozent aller Typ-1-Diabetiker (Letzteres ist leider viel zu wenig bekannt!).

Wertvoll: Ballaststoffreiche Kost!

Übergewicht ist bei Typ-1-Diabetes oft iatrogen (durch einen Arzt verursacht) bedingt. Viel zu häufig wird Patienten gesagt: „Wenn Du schon Insulin spritzt, dann kannst Du regelmäßig die gewünschte erhöhte Nahrungszufuhr durch zusätzliche Insulinspritzen kompensieren.“ Natürlich darf man einem Patienten auch gelegentlich ein Lieblingsessen gönnen, an das er dann seine Insulindosis anpasst. Das muss aber immer eine Ausnahme bleiben!

Die optimale Zusammensetzung der täglichen Kost ist umstritten und seit Jahr und Tag immer wieder unterschiedlich diskutiert. Am besten fährt man wohl damit, wenn man Patienten in etwa 40 Prozent Kohlenhydrate als Anteil an den Gesamtkalorien empfiehlt, ebenso 40 Prozent an Fetten und 20 Prozent an Eiweiß. Lebensmittel mit Kohlenhydraten sollten zudem viele Ballaststoffe enthalten, dazu gehören Gemüse, Salate oder auch Vollkornprodukte.

Besser keine Spatzenportionen!

Früher wurden Diabetikern viele kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt empfohlen. Das ist in der Regel heute obsolet. Bei einer Reduktionskost von 1000 bis 1200 Kalorien würden sechs „Spatzenportionen“ am Tag einen Patienten nur anregen, immer wieder mehr zu essen.

Der Konsum von Zucker sollte höchstens 10 Prozent der Gesamtkalorien ausmachen (40 – 60 g pro Tag). Mit Zucker gesüßte Getränke sind wegen der postprandialen (nach der Mahlzeit)  Hyperglykämien und der damit verbundenen Schädigung der Herzkranzgefäße zu vermeiden. Durst sollte vielmehr mit Mineral- oder Leitungswasser oder auch mit kalorien- und zuckerarmen Säften oder Limonaden gestillt werden.

Süßstoffe wie Cyclamat, Saccharin, Acesulfam, Aspartam und Stevia sind unschädlich und in Grenzen erlaubt. Zuckeraustauschstoffe wie Fruktose, Sorbit und Xylit sind wegen der vielen Kalorien und der Nebenwirkungen (Magen und Darm betreffende Beschwerden, Fettleber) zu vermeiden.

Die Berechnung von Kohlenhydraten in der Mahlzeit ist praktisch nur für Typ-1-Diabetiker von Bedeutung. Abgeschätzt werden dabei KE (Kohlenhydrateinheiten) oder BE (Broteinheiten), die jeweils 10-12 g Kohlenhydrate pro Einheit enthalten.

Die Schwankungsbreite der Angaben ergibt sich aus Differenzen zwischen den früheren deutschen Staaten: In der ehemaligen DDR machte nämlich eine KE 10 g Kohlenhydrate aus, in der westdeutschen BRD hingegen 12 g. Diese Abweichungen waren damals als Kompromiss wohlwollend akzeptiert worden. (1.3.2019) 

 

* Prof. Hellmut Mehnert widmet sich seit über 50 Jahren den Themen Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselleiden. 1967 hat er das erste Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland gegründet. Er ist Träger der Paracelsus-Medaille der Deutschen Ärzteschaft.