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Schulbeginn mit Diabetes: Verunsicherung bei Kindern, Eltern und Lehrern

Ein neues Schuljahr steht vor der Tür und für Erstklässler beginnt mit der Einschulung ein neuer Lebensabschnitt. Kinder mit Diabetes Typ 1 stellt der Schulbeginn häufig vor eine größere Herausforderung als Gleichaltrige mit gesundem Stoffwechsel.

Mit dem Übergang vom Kindergarten in die Schule ändert sich für Erstklässler einiges: So gilt es zum Beispiel den neuen Schulweg zu meistern, Klassenkameraden kennenzulernen und sich mit den Lehrern sowie dem Lernstoff vertraut zu machen. Kinder mit Typ-1-Diabetes müssen zudem ihre Therapie auf den neuen Tagesablauf abstimmen, was bedeutet, eigenverantwortlicher mit ihrer Stoffwechselerkrankung umgehen. Viele Eltern unterstützen ihre Kinder während der Kindergartenzeit noch beim Bestimmen der Glukosewerte oder den Insulingaben. Mit dem Wechsel in die Schule geht das häufig organisatorisch nicht mehr ohne Weiteres.

Auch Lehrer und Betreuer von Kinder mit Diabetes Typ 1 sind oft überfordert. ”Am besten wäre es, wenn alle meine Lehrer und auch meine Mitschüler das Wichtigste über Diabetes wissen würden. Dann könnte ich wie jedes andere Kind unbesorgt die Schule besuchen”, wünscht sich die sechsjährige Anna.

Aktuell erkranken in Österreich jedes Jahr rund 250-300 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren an einem Diabetes Mellitus Typ 1, Tendenz stark steigend.

Bei Bekanntwerden der Tatsache „Kind mit Diabetes“ bricht oft genug Panik bei den Pädagogen aus: Das Kind misst sich sein Blut? Injiziert sich Insulin? Was mach ich nur, wenn es z.B. am Wandertag einen „Anfall“ hat, ohnmächtig wird? Oh Gott!

Um solche Panik-Attacken zu vermeiden, hat der Spezialist für jugendlichen Diabetes Professor Dr. Martin Borkenstein von der Universitätsklinik in Graz eine Liste mit Tipps für Lehrer und Betreuungspersonal von Kindern mit Diabetes zusammengestellt.

1. Diabetes mellitus - Was ist das?
Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) ist eine sehr häufige Stoffwechselerkrankung, die bereits im Kindesalter auftreten kann; etwa eines von 1.500 (oder anders gerechnet: jeden 3. Tag) erkrankt ein Kind oder Jugendlicher in Österreich vor dem 15. Lebensjahr am sogenannten „juvenilen Diabetes mellitus“. Diese Krankheit ist NICHT ansteckend.

Bei jugendlichem Diabetes mellitus ist die Fähigkeit der Bauchspeicheldrüse verloren gegangen, das lebenswichtige Hormon Insulin zu erzeugen. Das aber hat eine entscheidende Bedeutung für den Energiestoffwechsel (Zuckerstoffwechsel) des Körpers. Zucker ist einer der wichtigsten Energieträger des Menschen; er wird aus der Nahrung resorbiert, oder aus körpereigenen Reserven gewonnen und im Blut transportiert. Durch Nahrungsaufnahme wird er Blutzuckerspiegel angehoben, Insulin ermöglicht die Verwertung des Zuckers und senkt so den Blutzuckerspiegel.

2. Tägliche Injektion
Die Behandlung des Diabetes mellitus erfolgt entweder durch tägliche Injektionen von Insulin, meist früh und abends, bei vielen Kindern (besonders Kindern älter als 13 Jahre) auch durch mehrere Injektionen von Insulin am Tag, oder heute auch mit Insulinpumpen und/oder sogenannten Closed-Loop-Systemen, bei denen die Pumpe mit einem CGM „kooperiert“.

3. Therapierichtlinien
Bei Beachtung der vorgegebenen Therapierichtlinien sind Kinder mit Diabetes den Anforderungen der Schule ebenso gewachsen, wie ihre KlassenkameradInnen; sie dürfen und sollen an allen schulischen Aktivitäten teilnehmen.

4. Nahrungsaufnahme
Ungenügende oder verspätete Nahrungsaufnahme, sowie erhöhte körperliche Aktivität (Sport, Wanderungen, intensives Spiel = vermehrter Energiebedarf) können zu einem Absinken des Blutzuckerspiegels, einer Unterzuckerung (Hypoglycämie) führen. Anzeichen einer Unterzuckerung können sein: Schwitzen, Blässe, Zittern, Schwäche, Unruhe, Unaufmerksamkeit, Aggressivität, unklare Sprache und Schrift. Wichtig ist die Vermeidung dieses Zustandes durch Nahrungsaufnahme zu den vorgesehenen Zeiten (Diät), sowie durch zusätzliche Nahrungsaufnahme bei erhöhtem Bedarf (z.B. Sport).

5. Unterzuckerung
Bei ersten Anzeichen einer Unterzuckerung sollte das Kind (egal zu welcher Schulzeit!) etwas essen (z.B. Brot, Apfel, Banane, Traubenzucker). Eine Nichtbehandlung der Unterzuckerung kann zu Bewußtseinsverlust und Krämpfen führen. Konnten keine Anzeichen einer drohenden Unterzuckerung erkannt werden, und ist bereits eine Einschränkung des Bewußtseins eingetreten, muss rasch und effizient Hilfe erfolgen: wegen der Gefahr des Verschluckens keine fest oder flüssige Nahrung einflößen, sondern Traubenzucker zwischen Zähne und Wange drücken; Arzt verständigen. Die Injektion von Glucagon unter die Haut kann - bei ausreichender Information und durch den behandelnden Arzt und die Eltern – durch den Lehrer erfolgen.

6. Erhöhter Blutzucker
Durch zu reichliche Nahrungszufuhr, zu wenig Insulin, bei Stress und bei Erkrankungen, kann es zu stark erhöhtem Blutzucker kommen. Symptome dafür sind große Harnmengen, daraus resultierend viel Durst, weiters Müdigkeit, Mattigkeit und verringerte Leistungsfähigkeit. Beobachtungen solcher Art sind den Eltern oder dem Arzt möglichst rasch mitzuteilen.

7. Behandlung
Die Behandlung einer chronischen Erkrankung erfolgt nicht nur im Krankenhaus oder in der ärztlichen Praxis, sondern auch zu Hause, in der Schule. Die Mitarbeit aller betreuenden Personen ist nötig. Wissen über die Erkrankung, die möglichen Akutkomplikationen und deren Behandlung ist ebenso Grundvoraussetzung, wie Verständnis für das betroffene Kind oder den betroffenen Jugendlichen. Im Sinn der Gruppendynamik ist es sinnvoll auch Klassenkollegen des betroffenen Kindes zu involvieren.

Tipps für Eltern

Leider gibt es keine eindeutige Regelung dafür, wie Lehrer Kinder mit Diabetes in der Schule fachgerecht bei ihrer Behandlung unterstützen sollen. Immerhin: vor einigen Jahren ist auf Initiative von DIABETES AUSTRIA ein erweitertes Haftpflichtgesetz für Bundeslehrer in Kraft getreten, das die Pädagogen auch bei freiwillig übernommenen Tätigkeiten schützt.

Die meisten Eltern gute Erfahrungen gemacht, wenn sie das Gespräch gesucht haben und hilfsbereite, verständnisvolle Lehrer angetroffen. Ein paar nützliche Tipps:

  • Sprechen Sie mit dem Lehrer/der Lehrerin. Bereiten Sie das Gespräch gut vor und überlegen Sie, wo Ihr Kind wirklich die Hilfe seiner Lehrer braucht. Diese wenigen Dinge notieren Sie sich genau. Streichen Sie alle überflüssigen Informationen.
  • Erklären Sie nicht zu viele Einzelheiten der Diabetesbehandlung, das verunsichert eher als es nützt. Ein Lehrer muss nicht alle Korrekturfaktoren oder den Unterschied zwischen Basalrate und Mahlzeiteninsulin verstehen.
  • Versuchen Sie, übertriebenen Ängsten vor schweren Unterzuckerungen vorzubeugen. Sie sind mit den modernen Therapien wie der Pumpentherapie sehr, sehr selten geworden. Treten Sie hier selbstsicher und ruhig auf. Das überträgt sich auf die Einschätzung der Lehrer.
  • Bieten Sie an, jederzeit telefonisch erreichbar zu sein, wenn Ihr Kind in der Schule ist. Vielleicht ist es auch möglich, dass Ihr Kind schon ein Handy bekommt, mit dem es Sie erreichen kann.
  • Je sicherer Sie im Umgang mit dem Diabetes wirken, umso weniger werden Lehrer verunsichert. Manche Eltern, die sich noch nicht ganz so sicher fühlen, nehmen die Unterstützung der Diabetesberaterin ihrer Kinderklinik in Anspruch. Das wäre auch eine Möglichkeit.
  • Wenn Ihre Kinderklinik eine Schulung für Schulanfänger mit Diabetes anbietet, lassen Sie Ihr Kind auf jeden Fall mitmachen. Auch das gibt Ihnen und Ihrem Kind zusätzlich Sicherheit.
  • Eine Notfallbox für die Schule haben Kathy Dalinger und ihre Tochter selbst gebastelt - eine Fotostrecke, um die Box ganz einfach nachzubasteln, gibt es in der Blood Sugar Lounge.

 

Die gute Nachricht: LehrerInnen dürfen helfen

Mit dem Bildungsreformgesetz 2017 wurde eine lange erwartete Änderung in das Schulunterrichtsgesetz (SchUG) aufgenommen. Bisher bedeutete jede medizinische Hilfestellung, die das Lehrpersonal bei Kindern durchführte, ein persönliches Haftungsrisiko, da es sich im rechtsfreien Raum bewegte. Durch die neue Regelung (§ 66b SchUG) wurde die medizinische Hilfestellung durch LehrerInnen definiert, womit diese Tätigkeiten nun unter die Diensthaftung fallen. „Die ÖDG hat diese Änderung seit Jahren gefordert, denn diese Regelung bringt für alle Lehrenden, die schon bisher chronisch kranke Kinder unterstützt haben, endlich Rechtssicherheit“, erklärt Assoz. Prof.in PD OÄ Dr.in Sabine Hofer, Kinderärztin und Leiterin der Diabetes-Ambulanz an der Medizinischen Universität Innsbruck. „Die notwendige Hilfestellung für Kinder mit Diabetes ist weiterhin auf freiwilliger Basis verankert. Jetzt geht es darum jenen PädagogInnen, die in ihrer Klasse ein Kind mit Diabetes haben, die Informationen und Ressourcen zu bieten, die notwendig sind, um diese Unterstützung kompetent durchzuführen. Dabei geht es nicht um komplexe Tätigkeiten, die nur von Fachpersonal zu bewältigen sind, sondern um kleine Erinnerungen, Rücksicht auf notwendige Blutzuckermessungen, die Supervision bei einfachen Rechenvorgängen der Insulinpumpe oder Basiswissen in Erster Hilfe und vor allem Verständnis für spezifische krankheitsbedingte Notwendigkeiten.“

Technik kann auch überfordern
Wir erleben vor allem bei Kindern eine Technisierung der Diabetes-Behandlung (Pumpe und Sensor). Das erleichtert zwar den Alltag, weil es dem Kind eine größere Flexibilität, zum Beispiel bei Sport, ermöglicht und es hilft Hemmungen bei Mitschülern und Pädagogen abzubauen, weil weniger Nadelstiche und blutige Messungen notwendig sind. Die Technisierung kann aber auch zu Überforderung führen, zum Beispiel bei jungen Kindern, wenn Daten im Zahlenraum 200 interpretiert werden müssen. Auch hier wird Hilfe von LehrerInnen benötigt.

Inklusion verbessert die physische und psychische Verfassung

Ein zentraler Aspekt ist die Inklusion von Kindern mit Diabetes in der Schule. Wenn ein Kind zum Beispiel zum Insulinspritzen von der Lehrerin aus der Klasse geschickt wird, kann es sich dadurch aus der Gruppe ausgeschlossen fühlen. Ob eine Messung oder Medikamentengabe im Klassenzimmer stattfindet, oder das Kind sich wohler fühlt, das in einem intimeren Rahmen durchzuführen, sollte Entscheidung des Kindes sein. An Schulen, wo Kindern mit Typ-1-Diabetes dieser Raum gegeben wird, ist deren psychische und physische Verfassung besser, als an Schulen, wo diese Form der Inklusion nicht stattfindet.

Ein neuer Schulstart muss weder für Eltern noch für Kinder mit Diabetes stressig sein. Mit ein wenig Vorbereitung und viel Kommunikation kann Ihr Kind das ganze Jahr über seinen Diabetes managen und sicher sein.