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Open Insulin Project

So soll Insulin in den USA günstiger werden. Das Open Insulin Project will die Eigenproduktion von Insulin ermöglichen.

Medikamente sind in den USA nicht für jeden Bürger erschwinglich. Das Open Insulin Project will die Eigenproduktion von Insulin ermöglichen – und es mit Pharmariesen aufnehmen.

Oakland - Die Keimzelle der Insulin-Anarchisten liegt im kalifornischen Oakland. In den Räumen des Counter Culture Labs auf der Shattuck Avenue treffen sich „Bio-Hacker“ und „Open Science“-Pioniere. Ähnlich wie ihre Kollegen von der „Open Source“-Programmierbewegung im benachbarten Silicon Valley wollen sie eine offene Bio-Wissenschaft für alle schaffen.

Aber im Counter Culture Lab werden keine Plattformen für Katzenvideos oder Dating-Willige programmiert. Die „Open Insulin“ getaufte Initiative will mit Technologien des 21. Jahrhunderts Wege finden, Insulin patent- und lizenzfrei in kleinen Landkrankenhäusern, Apotheken, Arztpraxen oder bei Betroffenenorganisationen selbst zu produzieren.

Es ist kein Zufall, dass Insulin das Ziel dieser Pharma-Anarchisten wurde. Die Geschichte des Wunderstoffes ist eine der bizarrsten Entwicklungen und Fehlleistungen der modernen Medizingeschichte. Als der Arzt Frederick Banting 1923 das Insulin entdeckte, ahnte er schon, dass er etwas ganz Großes erreicht hatte. Wer zuvor an Diabetes erkrankte, hatte eine Lebenserwartung von kaum mehr als zwei Jahren.

Mit Insulin war Diabetes erstmals behandelbar. Banting fand es aber unmoralisch als Arzt mit einer lebensrettenden Arznei Profite zu machen. Er und seine beiden Miterfinder Charles Best und John MacLeod verkauften das Patent für einen symbolischen Dollar an die Universität von Toronto. So sollte jeder Mensch freien Zugang haben.

Doch Nobelpreisträger Banting hatte nicht mit dem Erfindungsreichtum des US-Gesundheitswesens im 20. Jahrhundert gerechnet. Insulin ist heute mit mehr als 27 Milliarden Dollar Umsatz einer der gewaltigsten Umsatz- und Gewinnbringer der Branche, und für Millionen Menschen ist die Medizin trotz Krankenversicherung wieder unerschwinglich geworden.

Branche aus dem Ruder gelaufen

Das gilt vor allem für die USA. In der amerikanischen Gesundheitsindustrie läuft vieles falsch. Aber Insulin hat sich zum Vorzeigebeispiel einer profitorientierten Branche entwickelt, die komplett aus dem Ruder gelaufen ist.

Insulinpreise sind in den USA in astronomische Höhen gestiegen und zu einem der beherrschenden Themen im US-Wahlkampf geworden. Über sieben Millionen US-Bürger sollen täglich auf eine Dosis Insulin angewiesen sein, um eine Krankheit zu beherrschen, die zu schwersten gesundheitlichen Schäden oder zum frühzeitigen Tod führen kann.

Immer wieder erscheinen Artikel über oft junge Menschen, die einsam und verarmt in ihren Appartements gestorben sind, weil sie sich kein Insulin mehr kaufen konnten. Insgesamt wird die Zahl der an Diabetes erkrankten Menschen nur in den USA auf über 30 Millionen geschätzt. Und die Zahl steigt rasant weiter.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Insulin zu einem „absolut notwendigen“ Medikament erklärt, was bedeutet, dass Regierungen verpflichtet sind, ihren Bürgern den Zugang zu gewährleisten. Doch in den USA hat sich der Preis für eine Ampulle in nur 20 Jahren mehr als verdreifacht.

Hier setzen Anthony Di Franco und seine Mitstreiter an. Di Franco ist selbst an Diabetes Typ 1 erkrankt. Er weiß wie es ist, Angst zu haben, dass man die nächste Dosis vielleicht nicht mehr bezahlen kann.

Ein Monatsvorrat eines gängigen, aktuellen Insulinpräparats kann ohne Krankenversicherung über 1200 Dollar kosten. Selbst mit Krankenversicherung werden oft Zuzahlungen von weit über 100 Dollar aufgerufen. In den USA kann man schnell die Krankenversicherung verlieren. Die Hälfte aller US-Bürger ist über ihren Arbeitgeber versichert. Dieser Schutz fällt für die ganze Familie einfach weg, wenn man kündigt oder gekündigt wird.

Knappes Budget

An diesem Sonntagmittag haben sich Mitglieder des Projekts wieder in dem ehemaligen Lagerhaus im viktorianischen Stil getroffen. Das heutige Gemeindezentrum im Norden Oaklands wurde 1931 errichtet und das sieht man ihm wahrlich an. Aber die Initiatoren des Counter Culture Club sind froh, dass sie es nutzen dürfen. Das Geld ist wie bei vielen Bürgerinitiativen knapp.

Laborgeräte teilen sich in dem Holzbau mit den rohgezimmerten Wänden ihre Regale mit Umzugskartons voller Utensilien. Die Situation in den engen Gängen kann als organisiertes Chaos bezeichnet werden. Um drei bunt zusammengewürfelte Campingtische in einer Ecke des Labors haben sich diesmal gut zwölf Interessenten versammelt, fünf weitere sind per Videokonferenz zugeschaltet.

Darunter das neue Labor in Baltimore. Man kennt sich nur bei Vornamen, viele sind Diabetiker, andere Studenten oder Doktoranten, die die Aufgabe reizt. Jeder bringt eine andere Fähigkeit mit. Ein Problem ist heute, ein wichtiges Laborgerät zum Laufen zu bringen.

Die hochspezialisierte Software dafür ist ein Geschenk, aber uralt. Sie verlangt noch Windows NT – ein System, dass 1993 erstveröffentlicht wurde. Das ist 2020 ein echtes Problem.

Das Team versucht die Produktionsweisen der Pharmakonzerne für synthetisches Insulin zurückzuverfolgen, um sie dann mit neuester Technologie weiterzuentwickeln und patentfrei weiterzugeben. Zu Beginn in den 20ern wurde Insulin aus den Bauchspeicheldrüsen von Tieren gewonnen. Doch dieses „natürliche“ Insulin hatte deutliche Nachteile, führte oft zu Allergien bei den Patienten und wirkte sehr langsam. Die Dosierung war kompliziert.

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Quelle: http://www.handelsblatt.com