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Oh du fröhliche, zuckersüße Vorweihnachtszeit!

Meine Freundin Karin, seit ihrer Jugend Diabetikerin, liebt Weihnachtsmärkte.

Von Manuela Stachl

Wie schön, am kommenden Sonntag ist es wieder soweit – die bei allen beliebte Adventszeit beginnt. In nur vier Wochen ist somit auch schon wieder Weihnachten! Das bedeutet wieder jede Menge Stress: Beruflicher Termindruck, das Eigenheim schmücken und dekorieren, Geschenke besorgen, Weihnachtsbaum kaufen, das Weihnachtsfest sorgfältig planen, Kekse backen und vieles mehr.

Die Adventszeit ist auch prädestiniert dafür, liebe Freunde zum Punschtrinken zu treffen. Allein in Wien gibt es über 25 verschiedene Advents- und Weihnachtsmärkte mit vielen interessanten Angeboten. Der verführerische Duft von gebrannten Mandeln, Lebkuchen und Maroni, süßer Zuckerwatte und frischen Krapfen, Punsch und Glühwein liegt überall in der Luft und zieht Jung wie Alt magisch an.

Von wegen besinnlicher Advent. Vorweihnachtszeit bedeutet auch immer besinnungslose, hypernervöse Autofahrer und einen regelrechten Kampf um die wenigen Parkplätze, rund um die Weihnachtsmärkte. Wer kann, sollte daher lieber die öffentlichen Verkehrsmittel wählen und die Anreise damit verbinden, stressfrei einen kurzen Spaziergang durch die schön geschmückten Straßen zu machen.

Ich hatte als Nicht-Diabetikerin die naive Vorstellung, dass Betroffene dieser Krankheit untertags, vorbeugend durch eine bewusste Ernährung und Sport, ihre abendlichen Weihnachtsmarktsünden kompensieren und wieder gut machen können. Meine Freundin Karin, seit ihrer Jugend Diabetikerin, liebt Weihnachtsmärkte und klärte mich auf, dass das auf diese Art und Weise leider nicht so einfach zu machen sei.

Ihrer Meinung nach sollte man nie hungrig und unterzuckert zum Weihnachtsmarkt gehen. Erst recht nicht, wenn man Diabetes hat. Für Karin ist es besonders wichtig, dass sie einen ruhigen gleichmäßigen Tag verbringt, bevor sie sich am Abend ins weihnachtliche Getümmel stürzt. Das ist ihrer Meinung nach die erste Grundvoraussetzung, um als Diabetikerin für einen Besuch am Weihnachtsmarkt gewappnet zu sein. Denn Stress führt zu einem Anstieg des Blutzuckerspiegels. Darüber hinaus werden unter Stress auch mehr Eiweißstoffe aus dem Immunsystem ausgeschüttet, die sich negativ auf den Stoffwechsel und die Immunabwehr auswirken. Was besonders jetzt, in der kalten Jahreszeit, gefährlich ist.

Bei all den verlockenden Angeboten, ob zum Essen, Trinken oder Kunsthandwerk für das Auge, ist es kaum vorstellbar, dass die Adventszeit früher einmal eine Fastenzeit war, bei der Ruhe, Innehalten und Gutes tun im Vordergrund standen. Heutzutage werden wir regelrecht vom Konsumwahn, Hektik und Trubel erschlagen. Wobei, beim Spenden sind die Österreicher Weltmeister – man tut immer noch viel und gern Gutes, speziell in der Vorweihnachtszeit.

Meine Annahme, dass Sport als Ausgleich und präventive Maßnahme vor dem Weihnachtsmarktbesuch gut wäre, stimmt ebenfalls nicht. Es kommt immer darauf an, welche Art von Sport man betreibt, meinte Karin. In der Kraftkammer beim Intensivtraining steigt der Zuckerspiegel im Blut. Es kann dann bis zu vier Stunden dauern, bis der Spiegel wieder auf ein normales Niveau gesunken ist und etwa bei 80 – 180 mg/dl Blutzucker liegt. Hingegen beim Spazieren gehen sinkt der Zuckerspiegel ab. Diese Form der Bewegung ist wiederum sehr empfehlenswert.

Ich wollte auch wissen, wie sich Alkohol auf den Diabetes auswirkt. Ich lernte von Karin, dass zu viel Alkohol die Ausschüttung von Zucker aus der Leber vermindert, da die Leber in erster Linie damit beschäftigt ist, den Alkohol zu entgiften. Der Blutzucker sinkt und das Risiko einer Unterzuckerung steigt. Die Wirkung des Alkohols hält lange an, weshalb eine Unterzuckerung durch Alkohol häufig auch erst im Schlaf passiert. Aufgrund der Kalorien und des Zuckergehalts greift Karin daher lieber zum Glühwein oder Jagertee, als zum Punsch oder heißer Schokolade.

Auch kulinarisch lauern eine Menge Verführungen und Verlockungen an jeder Ecke: Deftige Kartoffelpuffer, variantenreiche Nudelgerichte, frische Waffeln, belegte Brote, herzhafte Gröstl, warmer Kaiserschmarrn und frische Krapfen. Auf jedem Adventsmarkt gibt es Leckerbissen, Schmankerln und Spezialitäten soweit das Auge reicht.

Entscheidet sich Karin für einen Weihnachtsmarktbesuch am Abend, mit dem Vorhaben dort auch etwas zu essen, achtet sie darauf, dass ihr Zuckerwert bei 130 – 150 mg/dl Blutzucker liegt, wenn sie das Haus verlässt. Da durch Weißmehl, Reis, Kartoffeln und Nudeln der Blutzucker schneller ins Blut geht, entscheidet sie sich meistens für eine herzhafte Bratwurst.  

Aufgrund der vielen Dinge, die ich durch meine Freundin Karin erfahren habe, empfinde ich jetzt tiefe Dankbarkeit und Demut gegenüber meinem gesunden Körper, der ganz selbstverständlich und automatisch Aufgaben übernimmt und dadurch Großartiges leistet. Ich hatte keine Ahnung, wie enorm viel Menschen mit Diabetes leisten müssen, um einfach nur gut durch den Alltag zu kommen und wie bedacht sie erst recht vorgehen müssen, wenn sie einen Besuch am Weihnachtsmarkt planen. Hut ab!

Egal, ob Diabetikerin oder nicht, wir alle sollten es in der Vorweihnachtszeit etwas ruhiger angehen und uns bewusst Zeit nehmen – für uns selbst und für unsere Liebsten.

In diesem Sinne, fröhlich süße Weihnachten!