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Neil Young - Diabetes, Epilepsie und Kinderlähmung

Schon zu Lebzeiten eine Legende, zählt Neil Young zu den produktivsten Künstlern unserer Zeit. Die schwere Kindheit des Kanadiers wurde von Krankheiten wie Diabetes, Epilepsie und Kinderlähmung geprägt. Eine Kindheit, die nicht zuletzt auch die Fähigkeit hervorgebracht haben mag, die den Ruhm von Neil Young begründet: Das Vermögen, Trauer, Schmerz und Hoffnung auszudrücken, ohne in Sentimentalität abzugleiten.

"They all sound the same" schreit jemand aus dem Publikum. "It's all one song" antwortet Neil Young ruhig, bevor er beginnt, "Year Of The Horse" in die Saiten seiner Gitarre zu hauen.

Besser ist der kanadische Musiker kaum zu charakterisieren. Nicht, weil seine Lieder alle gleich klingen, sondern weil sie fern von sonst üblichen Elementen wie Glamour, Mode und Verkaufszahlen entstehen und sich so durch eine ganz besondere Konsequenz auszeichnen.

Neil Young, geboren am 12. November 1945, entdeckt als Jugendlicher die Musik und tingelt als Folk-Songwriter durch die Clubs von Toronto. Auf der Suche nach neuen Herausforderungen setzt er sich 1966 in seinen Leichenwagen und fährt nach Los Angeles. Dort gründet er die Band "The Buffalo Springfield", die mit ihrem Mix aus Folk, Rock, Rhythm and Blues und Country begeistert. Zeitgleich veröffentlicht er Solo-Platten, arbeitet mit der Band "Crazy Horse" und knüpft enge Kontakte zu anderen Musikern. Darunter David Crosby, Stephen Stills und Graham Nash, mit denen er beim Woodstock-Festival auftritt. Das Quartett mausert sich zur legendären und erfolgreichsten Folk-Rock-Band. Zum Superstar aber wird Neil Young 1970 durch sein Album "After The Goldrush".

In den 80er-Jahren verschwindet Neil Young von der öffentlichen Bühne. Der Grund: 1978 wurde sein zweiter Sohn geboren. Er leidet wie der erste Sohn an zerebraler Kinderlähmung und ist geistig behindert. Neil Youngs musikalisches Schaffen dieser Jahre ist vor allem wegen elektronischer Einlagen umstritten: Wohlmeinende Fans loben den Musiker in dieser Phase als "wandlungsfähig". Für fast alle anderen überschreiten ausschweifende, ja zerfaserte Feedbackparts die Schmerzgrenze. Die Plattenfirma drohte mit einer Klage. Drei Millionen sollte Neil Young zahlen, weil er nicht "kommerziell" war und Alben ablieferte, die "nicht typisch für Neil Young" waren.

Von sich reden machte Neil Young 1988 mit einem Anti-Video-Video. MTV zeichnete das Stück aus, wollte es aber nicht senden. Der Musiksender fürchtete, dass die Video-Szenen so manches Unternehmen stören könnten. Etwa wenn die Haare des Michael-Jackson-Double Feuer fangen und der Whitney-Huston-Double die Flammen mit Pepsi löscht.

Endgültig zurück auf der musikalischen Bühne ist Neil Young 1992 mit der akustisch dominierten Platte "Harvest Moon", die nahtlos an die 72er "Harvest" anknüpft. Spätestens durch Kurt Cobains Selbstmord wird Neil Young 1994 bei jungen Leuten bekannt. Der Sänger von Nirvana schrieb in seinem Abschiedsbrief "It’s better to burn than to fade away". Diese Zeile von Neil Youngs 1979 erschienen Albums "Rust Never Sleeps" wurde zum Leitspruch der "Generation-X" und verschaffte Young den Titel "Godfather Of Grunge". Bands wie "Pearl Jam", "Sonic Youth" und "Soundgarden" spielen vor Neil Youngs Konzerten; und die rocken gewaltig.

Mit dem Album "Silver And Gold" setzte Neil Young im Jahr 2000 seinen akustischen "Harvest-Zyklus" fort. Fans jubelten und verziehen dem Musiker auch seinen jüngsten patriotischen Ausfallschritt. Nach dem Anschlag auf das World-Trade-Center trat Young bei der Fernsehandacht "Tribute To Heroes" auf, rührte die US-amerikanische Nation und scheute sich nicht vor Sätzen, "die aus den Notizbüchern von George Bushs Redenschreiber stammen könnten", wie die Tageszeitung „taz“ urteilte.

Neil Young ist eben ein Künstler, der es sich jenseits von Verkaufszahlen geleistet hat, anders zu sein. Für sein musikalisches Schaffen in den 70er-Jahren kürten ihn "Rolling Stone" und "Village Voice" zum "Künstler des Jahrzehnts". 1995 bekommt Neil Young den Titel "Best Male Rock Vocal" verliehen. Als Pionier moderner Musik ist er längst in die Rock´n´Roll Hall of Fame aufgenommen. Die Schreibfreude des Musikers löst nach wie vor Begeisterung bei den Fans und Bangen bei seiner Plattenfirma aus: In den Kellern lagern die Tapes von unzähligen Aufnahmen, die nie auf den Markt gekommen sind.