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Mit Zuversicht durch alle Krisen

Leopoldine Martschitz ist eine Frau mit tausend Ideen. Seit 12 Jahren Typ-2 Diabetikerin, engagiert sich die lebensfrohe Pensionistin für den Stephansdom, soziale Projekte und Menschen, die Hilfe brauchen – effektiv und auf besonders kreative Art.

Von Elisabeth Schneyder

Mag sein, dass sich Welt und Zeiten mitunter rascher ändern als uns lieb ist. Was aller Unbill zum Trotz gleich bleibt, ist die unbändig optimistische Energie der 63-jährigen Leopoldine Johanna Martschitz aus dem niederösterreichischen Mannersdorf. Mit ihren kreativen Ideen, ihrem Mut und ihrem Engagement beweist die Typ-2 Diabetikerin seit Jahren, dass man Krisen Positives entgegensetzen kann – persönlichen ebenso, wie globalen.

Derzeit sitzt die gelernte Friseurin und Fußpflegerin „fast rund um die Uhr“ an ihrer Nähmaschine und fertigt Schutzmasken, die das Ansteckungsrisiko mit dem Corona-Virus verringern helfen sollen. Aus Baumwolle, heiß waschbar und fröhlich bunt müssen sie sein, betont Martschitz, weil: „Was momentan geschieht, ist traurig genug“. Die Nachfrage gibt ihr recht: Ein Großauftrag über 1.000 Stück hält sie und ihr Team gerade ordentlich auf Trab.

Zu ihrer Lieblings-Action, dem Gehen, kommt Leopoldine Martschitz deshalb derzeit wohl nicht so ausgiebig wie vor der bitteren Virus-Welle. Das Leben hat ihr jetzt ganz einfach andere Prioritäten gesetzt. Und Martschitz nimmt es so, wie’s ihre Art ist: Sie packt an. Tut, was ihr jetzt eben am wichtigsten erscheint.

Dabei ist die pensionierte Power-Frau, wie sie selbst sagt, „aufs Gehen geradezu süchtig“. Und geholfen hat’s ihr auch, weil viel Bewegung ein wichtiger Teil jenes Programms ist, mit dem sie ihren Anfangs erschreckend hohen Langzeitwert von 14,7 auf erfreuliche 6,9 senken konnte.

Den Weg dazu eröffnete ein Reha-Aufenthalt, den Martschitz nach ihrer Pensionierung absolvierte. Im Berufsalltag zuvor sei sie mit ihrem vor inzwischen 12 Jahren diagnostizierten Diabetes noch „recht schlampig“ umgegangen. Doch dann habe man sie im Lebens.Resort. Ottenschlag mit „liebevoller Gehirnwäsche“ zu mehr Bewegung motiviert. Mit beeindruckendem Effekt, der bald darauf auch gleich in eine respektable Großtat mündete.

Vor etwas mehr als einem Jahr beschloss Martschitz, vom weniger bekannten Stephansdom in Passau zum weltberühmten Wiener Namensvetter zu gehen. Stolze 319 Kilometer weit. In 17 abenteuerlichen Tagen. Die erste Weitwanderung ihres Lebens. Mit kleiner Ausrüstung, bestehend nur aus Rucksack und Walking-Stöcken – aber beseelt von einer großen Idee: „Dankbarkeit und Hoffnung“.

Denn was sie antrieb, fasst Martschitz so zusammen: „Dankbarkeit dafür, nach einigen lebensbedrohlichen Erkrankungen solch ein Experiment wagen zu können. Hoffnung jenen Menschen zu schenken, die an Krebs, oder, so wie ich, auch an Diabetes erkrankt sind. Dankbar auch Menschen zu gedenken, die den Kampf gegen diese Erkrankungen verloren haben“.

Das Tagebuch der Wanderung geriet zum spannenden Erlebnisbericht, der wieder anderen Mut macht und obendrein mit praktischen Tipps für potentielle Nachahmer aufwartet (siehe: https://diabetes-austria.com/fileadmin/diabetes_austria/user_upload/leopolodine__martschitz_unterwegs-am_stephanusweg.pdf ). Dass Leopoldine Martschitz außerdem historische Fakten in ihre Erzählung packt, hat einen guten Grund: Der Wiener Stephansdom fasziniert sie seit Jahrzehnten. So weiß die Mannersdorferin auch interessante Details seiner Geschichte, die sonst nur selten zur Sprache kommen: „Wenn man am Fuße des Leithagebirges geboren wird, kommt man sehr früh mit Steinen in Kontakt. Unsere Vorfahren haben vor knapp 900 Jahren Stein aus Mannersdorf abgebaut und für die Errichtung des Stephansdomes nach Wien transportiert. Würde man all die Steine zurückholen, würde der Dom zusammenbrechen“, scherzt Martschitz.

Wobei: Schutz und Erhaltung des „Steffl“ liegen ihr so sehr am Herzen, dass sie selbst zum Beispiel schon 20 Jahre lang durch Fertigung und Verkauf selbst kreierter „Dom-Osterkerzen“ aktiv dazu beigetragen hat: Die Hälfte des Erlöses ist für Restaurierungsarbeiten reserviert, die andere für Sozialprojekte der Diözese, die notleidenden Menschen dienen. Ganz abgesehen davon, dass die engagierte Niederösterreicherin Begründerin und Obfrau des gemeinnützigen Vereins „LichterWerkStatt.St.Stephan“ ist.

30 Jahre lang war Leopoldine Martschitz selbständig tätig. Fast auf den Tag genau. 1984 musste sie, wie sie heute heiter schildert, „den Leuten in Mannersdorf erst mal erklären, was ich da mache“. Ein Kaltstart, der mit „Null“ begann – und leider bald auf eine schwere, gesundheitliche Hürde stieß: Nur sechs Monate später wurde die Jungunternehmerin mit ihrer ersten Krebs-Diagnose konfrontiert, kämpfte sich dennoch weiter durch und baute ihren Betrieb – in der „Glanzzeit“ mit sieben Beschäftigten – sukzessive weiter aus. Auch eine von schlimmen Komplikationen gefolgte, spätere Gallenoperation und andere, heftige Ups und Downs konnten ihren Tatendrang nicht stoppen.

Da überrascht es kaum, dass der rührigen Mutter einer Tochter im Ruhestand alsbald die berühmte „Decke auf den Kopf“ zu fallen drohte. „Also habe ich mich auf das besonnen, was ich als Mädchen in der Hauswirtschaftsschule gelernt hab‘ und habe mit dem Nähen begonnen“, schildert sie fröhlich. Und die Ideen, die sie mit ihrer Handwerkskunst umsetzt, sind begehrt.

So fertigt Martschitz etwa „Leseknochen“, die inzwischen in mehreren Reha-Instituten Ost-Österreichs viel Anklang finden: Bunt, hübsch, mit Duftsäckchen voll Mannersdorfer Lavendel ausgestattet und bis zu 40 Grad waschbar sind diese bequemen Pölsterchen als Nacken- und Rückenkissen ebenso verwendbar, wie als Dekor oder Buchstütze. Und Unikate sind die auch via Facebook (unter https://www.facebook.com/Kunterbuntes-4you-766172636889790/ ) feilgebotenen Prachtstücke sowieso.

Von Spezialistin und „Zuckertante“ Dr. Susanne Pusarnig bestens betreut und mit Victoza und Diabetex gut eingestellt, ist Leopoldine Martschitz‘ Tatendrang durch nichts zu bremsen. Auch nicht von der aktuellen Corona-Krise, der sie natürlich eine neue Idee entgegensetzt: „Momentan produziere ich Mundschutz-Masken. Diese sind zwar kein Virenschutz, aber im Alltag hilfreich. Sie sollen pflegenden Angehörigen und Pflegepersonal helfen“. Schließlich könnten solche Masken, wie es heißt, das Risiko durch Übertragung via Tröpfcheninfektion reduzieren. Und die vor sechs Jahren verwitwete Typ-2 Diabetikerin will einmal mehr tun, was sie kann, um die Welt ein Stück besser zu machen. Diesmal eben mit einer Kreation, die hilft, vorm Schreckgespenst Covid-19 zu schützen.

Tochter, Schwiegersohn und die zehnjährige Enkeltochter sieht Leopoldine Martschitz derzeit nicht. Obwohl die geliebten Familienmitglieder nur fünf Minuten entfernt von ihr wohnen: „Wir bleiben telefonisch in Kontakt“. Schwierige Zeiten verlangen nun mal nach Vernunft und entsprechenden Maßnahmen. In jedem Fall.

So etwa auch, wenn man – wie die tatkräftige Mannersdorferin – mit Diabetes durchs Leben geht. Im zweiten Bildungsweg zur Fußpflegerin ausgebildet, hat Martschitz sich auch intensiv mit dem Problem des diabetischen Fußes befasst: „Bitte achtet unbedingt auf Eure Füße! Tägliche Selbstkontrolle ist wichtig. Und nehmt das nicht auf die leichte Schulter, sondern sucht einen spezialisierten Facharzt auf, wenn da Probleme auftauchen“.

Was sie anderen Betroffenen ans Herz legen möchte, hat allerdings nicht nur mit Füßen zu tun: „Bewegung, Bewegung, Bewegung! TV-Soaps zu schauen bringt Euch nicht weiter. Wir brauchen frische Luft und Sonne für Stoffwechsel und gute Laune. Und schlechtes Wetter gibt’s gar nicht – nur die falsche Kleidung!“

So formuliert’s die Frau, die mit 63 Jahren zu ihrer ersten Weitwanderung aufbrach – 17 Tage lang, durch kalten Nieselregen ebenso wie trockene Hitze. All dies mit Zuversicht und sonnigem Gemüt. Schon klar, dass derlei dieser Tage aus gegebenem Anlass warten muss, bis die Corona-Krise überwunden ist. Auch, dass nicht jeder jetzt Ideen aufwarten kann, die Schutz und Hilfe bieten. Allerdings: Was Leopoldine Martschitz tut, macht Mut. Auch jetzt, in diesen beunruhigenden Zeiten. Und das allein ist eine Menge wert.

Facebook-Kontakt https://www.facebook.com/Kunterbuntes-4you-766172636889790/

 

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