Skip to main content

Gibt es wirklich Schnee am Kilimanjaro?

Der höchste Berg Afrikas ist technisch nicht schwer zu besteigen, hat aber auch für Bergsteiger mit Himalya-Erfahrung einige Tücken auf Lager.

Der höchste Berg Afrikas ist technisch nicht schwer zu besteigen, hat aber auch für Bergsteiger mit Himalya-Erfahrung einige Tücken auf Lager. Wenn zusätzlich der Blutzucker entgleist und sich ein grippaler Infekt einstellt, wird die Sache schnell zu einer Geschichte des Scheiterns.

 

Von Martin Grabner

Es ist eine klare, aber kalte und sehr stürmische Nacht hier im Barafu Camp auf 4600 Metern, dem letzten Lager auf dem Weg zum Gipfel des Kilimanjaro. Der Wind heult und zerrt an den Zeltwänden, dass es (k)eine wahre Freude ist. An Schlaf ist bei diesem Lärm nicht zu denken und so kreisen meine Gedanken immer wieder um den bevorstehenden Aufstieg und seine Strapazen. Ab und zu döse ich kurz ein, doch die nächste heftige Böe lässt mich gleich wieder aufschrecken. Passt eigentlich der Blutzucker noch? Das muss sofort kontrolliert werden. Stirnlampe einschalten und das Testgerät aus den Tiefen des Schlafsackes holen, ist schon Routine. Eine schnelle Messung zeigt 79 Milligramm pro Deziliter, also ist alles in Ordnung und ich versuche die Wartezeit bis zum Abmarsch um Mitternacht mit weiteren Schlafversuchen totzuschlagen und denke dabei zurück an das Missgeschick, das mir am Mount Meru vor ein paar Tagen widerfahren ist.

 

Auf diesem sogenannten „Akklimatisierungsberg“, dem fünfthöchsten Afrikas, den man vor dem Kilimanjaro aus Trainingsgründen besteigt, war vor ein paar Tagen noch alles anders, und hätte um ein Haar den Gipfelsieg gekostet. Mitten in der Nacht bei einer Routinemessung zeigte das Gerät auf einmal knapp 400 an. Als ob ich beim Abendessen das Spritzen einfach vergessen hätte. Ein Schock und eine ausgiebige Korrekturinjektion waren meine Reaktion. Kurz vor dem nächtlichen Aufbruch dann der nächste Schrecken bei einer neuerlichen Messung. Immer noch knapp 400. Das gibt es doch nicht. Hängt der entgleiste Zucker mit der Höhe zusammen? Eine neuerliche Korrektur sollte Besserung bringen, aber der Aufstieg auf den immerhin fast 4600 Meter hohen Gipfel wurde dann zu einer echten Leidenstour. Der Blutzuckerspiegel wollte einfach nicht sinken, trotz der enormen körperlichen Anstrengung. Mühsam schleppte ich mich den Berg hinauf, müde, ausgetrocknet und vor allem mittlerweile sehr hungrig, da ich beim mitternächtlichen Aufbruch natürlich nichts gegessen hatte. Auf einmal ein letzter, der rettende Einfall. Ich kontrollierte den Insulin Pen und sofort wurde alles klar. Der Mechanismus hatte die letzten dreimal nicht funktioniert, aber nach zwei weiteren 

 

Versuchen kam endlich wieder Insulin heraus. Eine neuerliche Korrekturdosis verschaffte dann auch bald Linderung. Nach einer Stunde und einem Wert unter 70 durfte ich auch endlich zwei Müsliriegel und ein paar Gummibärchen essen. Das gab wieder ein bisschen Kraft und die hatte ich dringend nötig auf den letzten Höhenmetern zum Mount Meru.

 

Am Gipfel entschädigte ein prächtiger Sonnenaufgang und der Blick zum nur knapp 70 Kilometer entfernten, gewaltigen Kilimanjaro, für die mörderischen Strapazen. Beim langen Abstieg am Vormittag verhielt sich der Blutzuckerspiegel dann wieder völlig normal, aber warum der Mechanismus des Pens einige Zeit nicht funktioniert hatte, wird mir für immer unerklärlich bleiben.

 

Der Sturm gibt einem immer noch das Gefühl, dass das ganze Zelt gleich davonfliegt und die Gedanken kreisen immer noch um den bevorstehenden Gipfelgang. Diesmal muss alles besser funktionieren und vor allem dürfen keine Blutzuckerentgleisungen mehr vorkommen. Dafür ist der „Kili“ zu hoch und zu schwer.

Um 23 Uhr hat das Leiden dieser durchwachten, kurzen Nacht endlich ein Ende. Jetzt heißt es raus aus dem wärmenden Schlafsack, rein in mehrere Schichten Funktionskleidung und kurze Zeit später sitze ich mit den anderen Bergsteigern im Licht der Stirnlampen im Gemeinschaftszelt und versuche trotz Appetitlosigkeit einige Bissen Haferbrei oder Kekse hinunterzuwürgen und mit Kaffee oder Tee ein wenig munter zu werden. Dann geht es endlich los.

 

Mittlerweile hat sich der Sturm etwas beruhigt und unter dem prachtvollen afrikanischen Sternenhimmel marschieren wir durch die Nacht, begleitet von drei einheimischen Guides, Richtung Stella Point, dem Kraterrand und Richtung Uhuru Peak, dem Gipfel des höchsten afrikanischen Berges. Alle haben ausschließlich leichtes Gepäck am Rücken, je zwei Flaschen mit heißem Tee, ein paar Energieriegel und ein wenig zusätzliche Bekleidung. Das muss reichen und außerdem würde jedes zusätzliche Kilo den Aufstieg erschweren.

 

Langsam, sehr langsam steigt Chefguide Toni Schritt für Schritt über die endlosen Geröll- und Schutthalden immer weiter hinauf. Auf die Frage, wie oft er schon am Kilimanjaro gewesen ist, zuckt er gewöhnlich nur mit den Schultern und sagt, so genau wisse er es nicht mehr, aber es muss schon sehr oft gewesen sein. Deshalb weiß er das Tempo für seine Gäste richtig zu dosieren. Zu häufig hat er schon erfahren müssen, wie die Leute sich überschätzen und auf dem beschwerlichen Marsch in dieser enormen Höhe keine Kraft mehr aufbringen können und umkehren müssen.

 

Für mich scheint an diesem Tag aber sogar der langsame Schritt des erfahrenen Afrikaners zu schnell. Die Verkühlung der letzten Tage, das Fieber in den Nächten davor und der durch die eiskalte Luft hervorgerufene Reizhusten lassen meine Lunge brennen und bringen mich immer wieder zum Stillstand. Die Beine wollen einfach nicht mehr weiter hinauf und durch das extrem langsame Dahinschleichen wird mir auch immer mehr kalt. Apropos kalt. Meinen Gefährten hinter mir friert ob meiner dauernden Pausen schon recht ordentlich. Guide Toni entscheidet. Die anderen gehen mit den beiden Assistant-Guides schneller und er mit mir langsam nach. So müsste es zu schaffen sein.

 

An einer vom Wind geschützten Stelle zwischen den Felsen mache ich einen Blutzucker-Kontroll-Test. 57 zeigt das Testgerät. Eine Handvoll süßer, schmackhafter Gummibärchen schafft schnell Abhilfe und bringt vor allem wieder ein bisschen neue Kraft. Mittlerweile trage ich schon eine Gesichtsmaske gegen die Eiseskälte und habe eine zusätzliche Fleecejacke übergezogen. Die Langsamkeit der Schritte wird immer schlimmer. Mir ist außerdem andauernd schwindlig und ich habe die Augen beim Gehen meistens geschlossen. Es ist zum Verzweifeln. Wir kommen kaum weiter. Ich habe immer öfter das Gefühl höhenkrank zu sein. Das wurde mir allerdings schon vorausgesagt, als Nachwirkung des gerade überstandenen grippalen Infekts. Ich rufe dem Guide zu: „Toni, ich kann nicht mehr, wir müssen umkehren, ich muss wieder hinunter“. Toni kommt zu mir, leuchtet mit seiner Stirnlampe in mein Gesicht und begutachtet meine Augen und meine Zunge. „Ok, wir gehen wieder runter, du bist krank!“ Gott sei Dank, der Guide hat Erbarmen mit mir und ich stolpere kurze Zeit später hinter ihm wieder die Geröllhalden abwärts ins rettende Lager, zu meinem wärmenden Schlafsack und in die Sicherheit des Zeltes.

 

Ab und zu stopfe ich mir bei dieser Mühsal ein paar Gummibärchen in den Mund. Mittlerweile geht mir wirklich die Kraft aus, denn das Abwärtsgehen in der eisigen Finsternis ist äußerst kräfteraubend. Schließlich tauchen dann aber doch die ersten Zelte des weitläufigen Barafu Camps auf. Inzwischen ist es bereits fast fünf Uhr in der Früh, als Guide Toni und ich das Lager und unser Zelt erreichen. Eine Zeitlang sitzt der Afrikaner noch bei mir, tröstet mich, spricht von einem neuen Versuch im nächsten Jahr und davon, dass jeder das Pech haben kann, auch einmal krank zu werden. Dann verabschiedet sich Toni, er geht nun wieder hinauf, dem hoffentlich erfolgreichen Teil seiner Gruppe entgegen. Ich lege mich in meinen Schlafsack, mittlerweile stört mich das Toben des Sturmes gegen die Zeltwände kaum mehr. Dafür ist die Müdigkeit einfach zu groß und erst nach gut zwei Stunden, tiefem, traumlosen Schlaf wache ich wieder auf.

 

Draußen, vor dem Zelt zeigt sich der neue Tag in seiner prächtigsten Form. Der unselige Wind ist fast eingeschlafen, der Himmel tiefblau und die Morgensonne lässt den nahen schneebedeckten Kilimanjarogipfel in gewaltigem, fast überirdisch anmutendem Licht erstrahlen. Ich setze mich auf einen Stein vor dem Zelt und lasse das unglaubliche Szenario auf mich wirken. Man sieht bis ins Tal und das liegt in diesem Fall 4000 Meter tiefer. Auch kein alltäglicher Anblick, den meistens trübt eine dichte Wolkendecke die Sicht bis ganz hinunter. Weit entfernt lässt sich der Mount Meru im Morgenlicht blicken und gegenüber strahlt „Kilis“ kleiner Bruder: der über 5000 Meter hohe Mawenzi.

 

Hier lässt es sich gut aushalten, denke ich, und die Trauer über die vergebene Gipfelchance lässt nach. Dafür kommen die Eindrücke der letzten Tage noch einmal in der Erinnerung. Der weite Aufstieg über die sogenannte „Machame-Route“ über vier Tage durch alle Klimazonen. Zuerst vom Machame Gate auf 1840 Metzern durch den Regenwald bis ins Machame Camp auf knapp 3000 Metern. Dann am nächsten Tag weiter durch immer kargere Vegetation bis ins Shira Camp auf 3840 Metern. Immer wieder hat es zwischendurch geregnet und dabei habe ich mich auch gewiss verkühlt. Im Barranco Camp vor zwei Tagen hatte ich sicher Fieber und damit lässt sich ein fast 6000 Meter hoher Berg einfach nicht besteigen.

 

Apropos besteigen. Schön langsam sollte die Gipfelgruppe wieder auftauchen. Ich steige ein paar Höhenmeter hinauf und bemerke sofort wieder den Grund warum dieses Mal nichts gegangen ist. Ich komme immer noch kaum vorwärts. Endlich weiter oben angelangt, warte ich mit dem Fotoapparat in der Hand auf die Freunde.

 

Nach einiger Zeit sehe ich zuerst einen roten Anorak, dann einen blauen weit entfernt am Weg auftauchen. Das könnten sie sein. Schier endlose Zeit vergeht bis sie dann wirklich zu erkennen sind. Müde wirken sie, aber auch stolz. Haben sie es geschafft? Ich eile auf die Gruppe zu. Wart ihr oben, habt ihr den Uhuru Peak erreicht? Alle nicken und schütteln freudig meine Hand, als ich gratuliere.

„Und, gibt es wirklich Schnee am Kilimanjaro“, frage ich und wir lachen.

 

Informationen:

Die beschriebene Reise kann mit dem Grazer Trekking- und Outdoorreisen-Veranstalter Weltweitwandern unternommen werden und beinhaltet ein:

* 4-tägiges Trekking auf den Mt. Meru

* 6-tägiges Bergtrekking über die Machame-Route auf den Gipfel des Kilimanjaro

* 3-tägige Safari im Manyara Nationalpark mit dem „achten Weltwunder“ Ngorongoro Krater

* Verlängerungsmöglichkeit mit Safari und Badeaufenthalt auf der Gewürzinsel Sansibar

Tansania gilt als „Wiege der Menschheit“ und bietet auch in der heutigen Zeit vielerorts noch ein unverändertes Afrika. Mit dem sagenumwobenen Berg "Chaggas" dem Kilimanjaro, besitzt Tansania den höchsten Berg Afrikas, der als einziger Berg der Welt alle fünf Klimastufen der Erde auf seinen 5.895m vereint.

Nur 60 km entfernt, ragt der majestätische Mount Meru wie ein Riesenkegel mit 4.566m aus der weitläufigen Massai - Steppe. Er ist ein idealer Akklimatisierungsberg für die bevorstehende Kilimanjaro-Besteigung. Die Serengeti - das größte Wildschutzgebiet des gesamten Kontinentes - oder der oftmals als „Achtes Weltwunder“ bezeichnete Ngorongo-Krater sind weitere Highlights und Zeugen zeitloser Faszination.

 

www.weltweitwandern.at