Skip to main content

FIT 4 LIFE - Reha-Revolution in Alland

In den ehrwürdigen Mauern der ehemaligen Lungenheilanstalt Alland werden speziell entwickelte Reha-Aufenthalte für Typ-1-Diabetiker angeboten. Die unterscheiden sich nicht nur beim Essen von der klassischen „Kur“. Es sind drei Wochen intensiver Arbeit an und für sich.

Wie Primaria Dr. Claudia Francesconi junge Diabetiker fit fürs Leben macht

Eine Reportage von Peter P. Hopfinger

Die Unterschiede zu den klassischen Typ-2-Patienten sind auf den ersten Blick augenfällig: junge Menschen im Alter von 15 bis 36 Jahren, die meisten von ihnen schlank, viele von ihnen mit Insulinpumpen und Scannern oder CGMs für die Zuckerkontrolle unterwegs. Sie kommen aus ganz Österreich, haben gemeinsam auch schon mehr als 200 Jahre Erfahrungen mit dem Diabetes und dennoch jeder sein ganz spezielles Problem.

Ich habe beispielsweise zu viele Unterzuckerungen, manche wie Alex oder Florian wollen ein paar Kilos loswerden, wieder andere ihre zu hohen Werte runterschrauben und damit ihren Langzeitwert HbA1c verbessern.

Um es a priori klar zu stellen: Urlaub ist das keiner. Die Tage beginnen bereits um 6:30 Uhr in der Früh mit ersten Protokoll-Besprechungen und enden oft genug erst um 19 Uhr mit einem Vortrag.

Insgesamt hat jeder Reha-Teilnehmer bis zu 10 Programm-Punkte auf seinem täglichen Plan stehen: viele davon befassen sich mit Schulung, aber auch die tägliche Bewegung kommt auf keinen Fall zu kurz. Kraftkammer, Wanderungen, aber für uns auch Frisbee, Slackline, Völkerball und andere dynamischere Sportarten, bei denen auch ich als ältester „Jugendlicher“ manchmal vor der Zeit aussteige. Zu anstrengend für mich. Lukas, Dominik, Gerd und Rene lassen sich aber auch bei tropischen Temperaturen nicht bremsen.

Bei so viel Bewegung ist klar, dass wir ein anderes Schema beim Essen haben. Während die Nachbarn mit Typ-2-Diabetes meist auf Diät gesetzt sind, schaufeln im „C1/C2“-Turnus manche rein, als hätten sie seit 14 Tagen nichts zu essen bekommen. Acht bis zehn Broteinheiten (BE) zum Frühstück sind etwa bei Andi tägliche Routine und auch die anderen Mahlzeiten sind kaum weniger.

Besonders liebevoll: Diätberaterin Birgit Ranacher lässt es sich nicht nehmen, uns jeden Tag mit Sport-BEs in Form von Duplos, kleinen Milky Ways oder anderen Naschereien zu versorgen.

„Man muss vor allem junge Leute, die noch das ganze Leben vor sich haben, so realitätsnah wie möglich schulen“, ist das Credo von Primaria Dr. Claudia Francesconi, die sich „FIT 4 LIFE“ ausgedacht hat und seit drei Saisonen in Alland anbietet.

So gehört auch die Themen „Diabetes und Sexualität“ „Alkohol und Diabetes“ sowie die sogenannte „Sünde“ zu den Vorträgen, die mit Interesse verfolgt werden. Während beim Thema „Sex“ an die vortragende Diabetikerin Dr. Susanne Kurzemann Fragen zum Thema Verhütung gestellt werden, gibt´s bei den Themen „Alkohol“ und „Essens-Sünde“ praktische Übungen.

An einem Abend werden wir alle – nach einem anschaulichen Vortrag von Dr. Christian Tatschl - mit CGM-Geräten ausgestattet, die unseren Blutzucker permanent messen. Eine Scheune wurde zu einer provisorischen Disco umgestaltet und wir durften – kontrolliert von Ärzten, Beratern und Alkomat – die Wirkung von Alkohol auf den Blutzuckerspiegel erfahren.

Das Essens-Sünde Experiment fand in einer Pizzeria statt. Wir mussten bestellte Pizzen und Nudelgerichte auf ihren Gehalt an Broteinheiten schätzen und entsprechend Insulin dazu spritzen. Was ich nicht bedacht hatte: die leichte Bergwanderung von Alland zurück in die Anstalt zwang meinen Blutzucker mit 45mg/dl in die Knie. Abhilfe kam durch das hauseigene Auto, das mich aufgelesen hat.

 

Besonders interessant war die Gruppendynamik. Innerhalb weniger Stunden hatten die Smartphone-Generation eine Whats-Up-Gruppe gegründet, über die sehr effizient alles kommuniziert wurde: Termin-Erinnerungen, Treffs oder auch nur aktuelle Zuckerwerte.

Bald war klar, ob und wer gesteckte Ziele erreichen würde. Bei manchen, wie etwa Alex, konnte man auf Insulin verzichten, Bea – ein heftig pubertierender Teenager – war immer wieder verzweifelt, weil ihre Zuckerwerte immer wieder in den Himmel schossen.

Nachstehend finden Sie kurze Interviews mit Kollegen aus dem FIT 4 LIFE-Turnus

Toman, 19 - bekam Diabetes zu Halloween 2015

Ich bin in Korneuburg geboren. Meine Eltern kommen aus Bosnien. Ich habe vor eineinhalb Monaten maturiert und beginne jetzt im Herbst mein Studium in Astronomie.

Ich habe Diabetes 2015 bekommen. Lustigerweise zu Halloween. Da war ich 16. Und drauf gekommen ist meine Mutter, weil ich viel Milch getrunken habe und in der Nacht am Klo war. Und sie ist ja auch im Altersheim Pflegerin. Sie hat sich daher gut ausgekannt.

Da hatte ich 300 Zucker Und dann haben wir halt im Krankenhaus angerufen. Hatte ich einen Hb1c von 10,6

Der Arzt in Stockerau hat schon erwähnt, dass es die Reha gibt und ich war nicht so begeistert. Dann haben dieses Jahr meine Mama und mein Arzt mich überredet, dass ich halt herkomme.

Ich weiß nicht, ich hatte einfach keine Lust. Es ging mir relativ gut und ich habe nicht so einen Nutzen darin gesehen. Aber jetzt bereue ich nichts.  Dieser Aufenthalt ist sehr gut. Sport haben wir viel gemacht. Das kannst du jedem empfehlen. Das ist echt super. Und das nehme ich mir mit nach Hause „das Sport machen“. Also das war sowieso kein Problem bei mir.

Also man soll seine Angst überwinden, hierher zu fahren. Es hilft einem und man soll an seine Gesundheit denken. Das wichtigste ist, dass man eine Familie und Freunde hat, die einem dabei unterstützen und man soll sich nicht dafür schämen, dass man Diabetes hat. Es ist nichts wofür man sich schämen muss. Bei mir war das am Anfang, dass ich mich gefragt habe: warum hat mich das erwischt? Ich war immer gesund, ich habe mich immer gesund ernährt. Und jetzt denk ich mir halt, es gibt Schlimmeres im Leben. Und es ist jetzt nicht der Weltuntergang.  Man kann damit ohne Probleme leben. Man muss halt auch aufpassen und man muss die Disziplin haben, dass durchzuziehen.

Maximilian, 19 - bewusst und motiviert leben

Ich komme aus Wien, bin aber als Student in Leoben die meiste Zeit. Dort studiere ich Werkstoffwissenschaften. Diabetes habe ich seit 2013.

Wie ich nach Alland kam? Das war eine Geschichte aus Bürokratiewahnsinn. Ich habe in Leoben einen Arzt bekommen. Einen Internisten, der hat gesagt, er kennt jemanden in der Reha Anstalt Afflenz. Das wäre wahrscheinlich nicht schlecht, wenn man das macht. Da ich bei der Wiener Gebietskrankenkasse versichert bin, habe ich mich auch beworben. Die hat das aber nicht erlaubt. Sie haben gesagt, sie haben selber etwas Besseres, Näheres, was viel gescheiter wäre. Und so bin ich dann nach Alland gekommen.

Meine Erwartungshaltung war vor allem, dass ich mich selber mehr motiviere. Und den Diabetes wieder bewusster lebe. Nicht nur nebenbei laufen lasse. Wenn ich was esse, dass ich es bewusster esse. Egal ob es jetzt etwas Süßes oder etwas nicht Süßes ist. Hauptsache wieder bewusst - und dass die Einstellung wieder feiner wird.

Ja, summa summarum finde ich das sehr gut. So viele Menschen, so viel unterschiedliche Menschen hier, die alle Diabetes haben und es irgendwie auf die Reihe kriegen müssen. Dass sich auch immer alle bemühen, das gibt mir sehr viel Kraft und sehr viel Motivation.

Bezüglich der Reha? Man kann es ausprobieren. Es gibt sicher für jeden etwas dabei. Wenn man jetzt zum Beispiel eine schlechte Einstellung hat, da sind die Ärzte da.

Ich bin wieder auf eine Pumpe umgestiegen. Also ich hatte die Pumpe, dann habe ich den Pen genommen und jetzt hab ich wieder Pumpe.

Manchmal ist das Terminsystem a bissl chaotisch, knapp. Aber sonst; man gewöhnt sich dran, wo man sein muss und wann man wo sein muss.

HTL-Schüler Gerd, 19 - fand Reha vom Start weg gut

Ich komme aus Pottenstein und hab etwa sechs Jahre Diabetes.  Da ich nun doch schon länger auf einem höheren HbA1C-Wert war, wollte ich unbedingt auf Reha gehen. Okay, also es ist mir nahegelegt worden. Aber ich habe von Anfang an gesagt: ja das empfinde ich als eine gute Idee.

Also die 2 Wochen haben jetzt sehr gut funktioniert. Mein Problem ist, dass ich beim Essen nicht spritze. Das habe ich jetzt immer zusammengebracht. Dementsprechend läuft es auch ziemlich gut.

Allein die Gruppendynamik hilft sehr. Dass man eben andere hat. Denn auch wenn man sehr viel weiß, wie zum Beispiel: ich habe von den Schulungen nicht viel mitgenommen; aber trotzdem das, dass ich eben in einer Gruppe bin. Dass auch andere das haben, hat mir doch sehr geholfen, dass ich es eben zusammenbringe. Ich würde nochmal fahren, ja.

Paul, 35 - kämpft gegen Folgeschäden

Ich bin vor 28 Jahren Diabetiker geworden. Die jetzige Leiterin der Anstalt Prim. Dr Claudia Francesconi war früher meine Ärztin in Wien in der Strohgasse. Und die hat mich zum ersten Mal daher geschickt. Und hier habe ich den Erwin Holub getroffen. Der hat mir viel beigebracht. Ja und wenn man dann hier über die Folgeerkrankungen lernt, dann sollte man langsam aufwachen oder man sollte mit dem leben. Entweder man nimmt etwas daraus oder man nimmt nichts daraus und man vegetiert dahin.

Hier her gekommen bin ich vor allem, um Folgeerkrankungen – in meinem Fall Retinopathie Level 1 - einzudämmen.  Meine Bilanz ist durchaus positiv.  Ich habe zugenommen. Ich betätige mich körperlich! Ich habe viele nette Leute kennengelernt.

Ja! Zuckerkontrolle halt, klar! Und ein bisschen gesünder leben! Brav sein, wie der Kaiser sagt.

Jasmin, 16, Schülerin aus Tirol: In Alland sind bessere Ärzte

Ich bin schon zehn Jahre Diabetikerin und meine Ärzte haben mich auf Reha gebracht. Also sie haben gesagt, ich muss dahin fahren für eine bessere Einstellung. Ich war immer zu hoch, weil ich gar nicht mehr gemessen und gespritzt hab. Hier sind auf jeden Fall bessere Ärzte als bei uns. Die Gruppendynamik spielt hier eine große Rolle. Sie hilft einem ans Messen zu denken und man wird auch aufgemuntert, wenn´s einmal nicht so gut läuft.

Ja. Ich hoffe schon, dass ich was mit nach Hause nehme - das Messen! Also hoffentlich Messen und Spritzen.

Student Lorenz, 20 - die Reha ist voll cool

Ich habe Diabetes seit elf Jahren und ich studiere Molekularbiologie.

Ja eigentlich hat mich mein Dad dazu verdonnert, muss ich sagen. Weil er halt gesagt hat, er möchte nicht für meine Spätfolgen verantwortlich sein. Und das versteh ich auch, weil ich es in letzter Zeit ziemlich vernachlässigt habe. Schlussendlich will ich nur einfach wieder eine bessere Blutzucker- Einstellung; dass ich halt wieder regelmäßig zum Messen anfange und das Spritzen besser berechne.

Ja, also die Reha ist voll cool! Ich habe es mir ganz anders vorgestellt, als es schlussendlich ist.

Ja, ich habe am Anfang gedacht ich bin halt da und jetzt muss ich die drei Wochen absitzen. Aber es gibt halt viele da, mit denen man sich wirklich gut versteht, muss ich sagen. Man findet schon seine Gruppe, mit der kommt man gut zurecht. Und da kann man auch viel Spaß haben. Also ja, ich muss sagen der Erfolg ist schon nach den ersten zwei Tagen gekommen. Da hab ich schon gemerkt, also ich mein: die Vorträge und so hab ich schon - weiß nicht wie oft - schon gehört, aber man muss schon sagen, es kommt schon immer wieder was Neues dazu. Aber das einzige, was wirklich richtig hilft, ist einfach die Gruppendynamik. Wenn man sieht was die anderen für Werte haben und schon teilweise Spätfolgen! Das gibt einem schon zu grübeln. Dann fängt man an darüber nachzudenken, wie man es schon auch besser machen könnte. Und bereits am zweiten Tag checkt man das.

Eigentlich es ist nur um meine Motivation gegangen. Dass ich den Zucker in meinen Tag wieder fix integriere; dass ich halt echt check, dass das Teil meines Lebens ist. Und ja, das glaube ich habe ich schon kapiert. Diabetikern kann ich nur empfehlen: Kommt nach Alland!

Fotografin Anna,25 – diese Reha ist das Beste was man machen kann

Ich bin Fotografin und habe mich auf den Bereich Kindermode spezialisiert. Ich habe seit genau einem Jahr Typ 1.  Ja, nachdem ich meistens im Ausland arbeite, ist halt ein regelmäßiger Tagesablauf für mich sehr schwierig. Ich habe nie so eine normale Woche, wo ich um 8 Uhr im Büro sitze, dann um 10 einmal einen Vormittagssnack habe, dann um 12 Mittagessen kann. Bei mir ist das halt immer irgendwie. Oft muss ich schauen, dass das mit der Zeitumstellung passt und das haut dich halt voll durcheinander. Meine Ärztin hat bemerkt, dass es mir - also meine Werte waren nie unglaublich schlecht; ich hab mich immer voll bemüht - aber sie hat halt gemerkt, dass es mir nicht gut geht mit dem Ganzen. Denn ich habe mir nie etwas getraut.

Ich habe auch Phasen gehabt, da hab´ ich gar nichts gegessen. Weil ich halt gemerkt habe, wenn ich nichts esse, dass ich immer im Zielbereich bin. Und dann hat sie mir vorgeschlagen, also das einzig Sinnvolle, das ich machen könnte, wäre eigentlich eine Reha. Sie glaubte, dass mir das voll guttut. Und sie hatte recht. Beruflich ist es bei mir überhaupt kein Problem, dass ich irgendwie Pausen mache für solche Sachen. Meine persönliche Bilanz ist viel besser als erwartet!

Ich habe mir erwartet, dass ich herkomme und das einem die ganze Zeit gesagt wird, was man falsch macht. Ich hab schon gewusst, es kann nur gescheiter werden, als es vorher war. Aber ich habe nicht gedacht, dass ich erstens: so liebe Leute kennenlerne und zweitens: dass die Ärzte und das ganze Personal so unglaublich lieb sind. Sowas habe ich noch nie meinem Leben gesehen; obwohl die in Linz schon extrem lieb sind.

Wenn ich jetzt die Entscheidung treffen musste, würde ich sagen:  ich brauch überhaupt nicht darüber nachdenken. Das ist das Beste, was man jemals machen kann!

 

LESEN SIE AUCH „FIT 4 LIFE in Alland – Der Reha-Blog von Peter P. Hopfinger“