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Die Corona-Pandemie hat unser Essverhalten auf den Kopf gestellt

Die Corona-Pandemie hat teils drastische Auswirkung auf viele alltägliche Lebensbereiche – auch auf unsere Essgewohnheiten.

Die Corona-Pandemie hat teils drastische Auswirkung auf viele alltägliche Lebensbereiche – auch auf unsere Essgewohnheiten, wie aus einer neuen Studie hervorgeht.

Gewissermaßen spiegelt sich in den Essgewohnheiten der Befragten das wider, was die Menschen allgemein in den Zeiten der Krise empfinden. So profitieren zum Beispiel Desserts von einem gestiegenen Bedürfnis nach Wärme, Süße und Genuss, während Würzsoßen helfen, den manchmal tristen Corona-Alltag aufzuheitern. Generell verzeichnen die Forscher eine gestiegene Offenheit der Studienteilnehmer für Convience-Produkte, verpackte und vorgekochte Lebensmittel sowie Hilfsprodukte – ein Ausdruck der Sehnsucht nach Abwechslung und Erleichterung, die viele Menschen während der Krise verspüren. Denn diese Produkte signalisieren laut der Studienherausgeber nicht nur Sicherheit und Hygiene, sondern eine – gerade in Krisenzeiten – legitime Erleichterung beim Kochen.

Während des Lockdowns wird nicht nur mehr gegessen, viele Menschen haben auch deutlich zugenommen. Hier ein Stück Kuchen, da eine Tüte Chips und abends eine Tiefkühl-Pizza. Eine Expertin erklärt, woran das liegt:

Der Lockdown als Zunehm-Falle

Nach März und April stellten viele fest, dass sie einige Kilos mehr auf die Waage brachten. Häufigster Erklärungsversuch: Neben dem Bewegungsmangel im Homeoffice mache sich auch der Trend zum Selberkochen, zum Teil von gehaltvollen Gerichte, bemerkbar.

Ernährungscoach Ursula Vybiral stimmt dem nur sehr bedingt zu. In ihrer Wiener Praxis erlebte sie andere Gründe, warum gerade im ersten Lockdown viele Menschen viel zu viel gegessen haben. „Durch die Krise ging häufig das Maß verloren.“ Da ging es nicht um den normalen, körperlichen Hunger, der durch einen abfallenden Blutzuckerspiegel von den Organen ans Gehirn gemeldet wird. „Es gibt auch einen emotionalen Hunger, der im Kopf, in unserer Gefühlswelt entsteht.“

Kein „Frustessen“

Das ist allerdings etwas anderes als das landläufig als „Frustessen“ bezeichnete Phänomen. Der Mechanismus hinter diesem von Experten als „Emotional Eating“, also emotionales Essen, bezeichneten Verhalten: „Ängste vor dem Virus oder dem Verlust der wirtschaftlichen Existenz werden durch etwas anderes kompensiert. Damit man nicht ständig darüber nachdenkt, will man sich etwas Gutes tun.“

Fast schon logisch, dass man in so einer Gefühlslage dann nicht unbedingt zum gesunden Apfel greift. „Der Grund für emotionalen Hunger ist kein Blutzuckerabfall. Es ist ein Hunger, der über das körperliche Bedürfnis nach Nahrung hinausgeht. Und dieser Hunger wird eher mit Fett und Zucker befriedigt.“ Untersuchungen zeigen etwas: Bei Stress greift man eher zu Schokolade, bei Langeweile zu Chips.

Was „Emotional Food“ von positiv besetzten Begriffen wie etwa „Soul Food“ oder „Comfort Food“ unterscheidet, ist der Zugang. „Es steckt zwar das Wort „emotional“ drinnen, es ist aber auch eine Gefahr“, erklär Vybiral. Mit dem Essen sind schließlich viele psychologische Aspekte verknüpft. „Es werden Gefühle, positive wie negative, befriedigt.“

Soul Food ist vor allem mit positiven Aspekten verknüpft: „Das ist für jeden etwas anderes: Für den einen die Hühnersuppe der Mutter, für den anderen der Teller Spaghetti als Vorspeise im Italienurlaub.“ Eine ganze Packung Schokobananen um Mitternacht zu verputzen ist allerdings sicher kein Soul Food – auch wenn mit dem Geschmack der Schokobananen Positives verknüpft ist. Ein Stückchen Schokolade, das mit Kollegen nach dem Mittagessen genossen wird, kann das Kriterium Soul Food aber erfüllen. „Oft ist es nicht so eindeutig. Man muss aufpassen, was dahintersteckt, ob es etwa ein Automatismus oder eine Konditionierung ist.“

Problem analysieren

Sich genau Gedanken über sein Essverhalten zu machen, ist letztendlich auch die Lösung, um dem Teufelskreis emotionales Essen, häufig gefolgt von schlechtem Gewissen, Scham und letztendliche mehr Gewicht, zu entkommen. „Es geht um die Betrachtung des eigentlichen Problems“, sagt Vybiral. „Aus Genuss kann schnell Zwang werden – und dann wird aus etwas, das ich mir gönne, ein Ablenken vom eigentlichen Problem, anstatt dieses zu fokussieren.“

Das thematisiert sie auch intensiv mit ihren Klienten, die ihr Ernährungsverhalten wieder in den Griff bekommen wollen. Ein Ernährungstagebuch zu führen hilft, eine neue Sichtweise auf sich selbst zu bekommen. Am bedeutensten sei es, das Essverhalten einmal von außen zu betrachten: Zu welcher Zeit esse ich bestimmte Speisen? In welcher Situation?

Oft wird dann ersichtlich, dass Essen zu einem Ersatz geworden ist. „Es ist wichtig, andere Wege für die Befriedigung dieses inneren Gefühls zu finden. Diese – und das ist die gute Botschaft, die Ursula Vybiral weitergeben will – gibt es nämlich. In ihren Ernährungsberatungen fällt ihr auf: Häufig ist man sich seiner vielen Möglichkeiten gar nicht bewusst. „Es gibt so viele andere Glücklichmacher, die gar nichts mit Essen zu tun haben.“

Die Palette reicht von Freunde treffen bis zur Wohlfühlmassage oder Bewegung in der Natur. „Es gibt so vieles, das glücklich macht. Natürlich auch gutes Essen. Aber eben nicht nur.“

TIPP – Schnelle Hungerstiller, süß und salzig

Zu wissen, wonach man im Fall von emotionalem Hunger nicht greifen sollte – gut und schön! Aber zu welchen Lebensmitteln dann?

Etwa zu Mandeln. „Sie stillen die Lust auf Süßes sehr gut“, sagt Ursula Vybiral. Trockenfrüchte sollte man aufgrund ihrer Kalorienmenge hingegen eher meiden. Ein bis zwei Datteln sind aber erlaubt. Griechisches Joghurt mit etwas Honig bewährt sich ebenso wie Apfelmus. Oder ein Bratapfel statt Kekse. „Und warmer Porridge ist sowieso ein richtiges Soul Food.!“

Auf der salzigen Seite ersetzen ein paar Oliven und Kapern die Chips, ebenso sind Hummus mit Gemüsesticks wie Radieschen, Karotten oder Rettichscheiben zu empfehlen.

Quelle: Kurier