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Der Diabetes kann mich mal

20 Jahre Typ 1 Diabetes sind kein Grund zum Feiern, sondern zum Durchstarten. Unser Autor Peter Illetschko hat sich ein Fitnessprogramm auferlegt.

20 Jahre Typ 1 Diabetes sind kein Grund zum Feiern, sondern zum Durchstarten. Unser Autor Peter Illetschko hat sich ein Fitnessprogramm auferlegt. Das große Ziel: Schlanker, kräftiger und sportlicher zu werden.

Von Peter Illetschko

Teil 1: Die Leckerlis

Hand aufs Herz: Steigen Sie gerne Treppen, wenn es einen Aufzug gibt? Nein? Das wäre aber besser so. Der Weg nach oben trainiert Herz und Lunge. Jahrelang habe auch ich alle Ausreden der Welt gefunden, um genau das nicht zu machen. bei den wenigen Versuchen war es, oben angelangt, aber auch wirklich zu frustrierend. Ich schnaufte wie eine Dampflokomotive, konnte mich nur langsam wieder erfangen. Es war aber auch kein Wunder: Das Rad, mit dem ich vor einiger Zeit noch mehrfach wöchentlich in die Arbeit fuhr, stand gut und sicher im Rad Abstellraum des Wohnhauses, Wandern oder Spazieren gehen kannte ich eigentlich nur von Prospekten und im Fitnesscenter war ich ein tapfer zahlendes, förderndes Mitglied.  Dann kam Corona - und die Ausreden wurden mehr statt weniger. Das muss sich nun ändern. Kraft und Energie müssen mehr werden. 

 

Mein Body-Mass-Index liegt zwar im grünen Bereich, aber beim Bauchfett heißt es auch bei mir: Weniger ist mehr. Und die Arme vertragen eine kräftigere Muskulatur. Leichte Gartenarbeit mache ich schon. Aber eben nicht jeden Tag: Rasenmähen lässt mich transpirieren, Das Gemüsebeet umgraben macht glücklich.  Aber es braucht Regelmäßigkeit: Ich beginne also mit Spaziergängen -  Cooper überredet mich täglich mehrfach dazu. Er ist ein portugiesischer Wasserhund, der sehr viel Schlaf und Ruhe braucht (sehr brav von ihm!), aber auch nach Bewegung verlangt (Okay, akzeptiert!). Ein Hund mit Charakter. Er bellt, wenn er raus muss, er bellt und springt, wenn er spielen will, er gähnt und bellt, wenn er bespaßt werden will. Woher ich das weiß? Ist doch logisch, oder, Sie gähnen doch auch vielleicht, wenn Ihnen langweilig ist!

Cooper durchlebt gerade, was man auch in der Hundeentwicklung als Pubertät bezeichnet. Da vergessen die lieben Vierbeiner gerne Dinge, die sie vorher schon gelernt hatten. Kurz: Er biss eine Zeit lang permanent in die Leine, in die Leinen führende Hand, ins Hosenbein, nicht wütend, aggressiv, eher verspielt. Es tat trotzdem weh und nervte unendlich? Ihn festzuhalten, liebevoll zu beruhigen, wenn er in verspielter Raserei war, konnte genauso allwissende Hundebesitzer auf den Plan rufen wie ihn gewähren zu lassen. Die Bandbreite der Kommentare reichte von “Das ist Tierquälerei” bis “Sie lassen sich zu viel gefallen”. Eine Hundetrainerin schließlich wusste Rat: Beim Gehen regelmäßig ablenken - zum Beispiel mit Leckerlis und kurz davor “Top” sagen (damit er weiß: Brav sein, jetzt kommt was Gutes). Ich versuchte es auch immer wieder mit Holz tragen, eine Trophäe nimmt Cooper stolz ins Maul. Er ist eben der geborene Jäger. 

Jetzt fragen Sie sich sicher, warum ich das erzähle. Ganz einfach: Auch ich brauche, wenn ich lange spazieren gehen, vor allem wenn es bergauf sein sollte, Leckerlis. Natürlich nehme ich Cooper nicht seine weg, ich bin ja kein Unmensch. Bei mir sind Traubenzuckerplättchen (2 Stück= 1 Broteinheit) oder wenn es ganz schlimm wird, der Hypo sich also durch Piepsen meines Alarmsystems ankündigt, Cola oder Gummibärchen. Ich kann mir das im Gegensatz zu Cooper natürlich selbst nehmen, bei mir muss niemand “Top” sagen (Ich bin meistens brav und beiße nicht in Leinen). Das funktioniert recht gut. Kürzlich hab ich derart ausgestattet bei rund 30 Grad im Schatten die Burgruine Dürnstein erklommen. Ich höre schon, dass manche sagen: Das ist doch nix, mach Dich nicht wichtig, Illetschko! Ich aber antworte: Man muss nach längerer Pause klein anfangen. Nach gefühlten zehn Unterbrechungen, mehreren Gummibärchen am Weg nach oben, mindestens genauso vielen Gelsenstichen im Waldstück, hab ich es geschafft.

Cooper braucht mittlerweile nur mehr wenig Leckerlis am Weg, er geht brav, registriert, welche Wünsche vom anderen Ende der Leine kommen. Auch ich verstehe viel besser, was er will. Kürzlich bei mehr als 30 Grad weigerte er sich beharrlich, seine Geschäfte auf seiner Lieblingswiese zu verrichten und zog mich in den Schatten, wo er sich schnurstracks befreite. Der Hund weiß eben, was gut für ihn ist.

Auch ich werde irgendwann einmal weniger Leckerlis für größere Spaziergänge brauchen. Ich bin mir sicher. Ich brauche nur Geduld, Ausdauer und natürlich auch Disziplin. Das wird hart. 

Die mehrteilige Serie “Der Diabetes kann mich mal” erscheint in loser Folge und zeigt die Fortschritte des Autors beim Fitnessprogramm