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Brexit: Was sich für 500 Millionen Patienten ändert

Das Vereinigte Königreich droht ungeregelt aus der EU auszutreten. Auf dieses Szenario hat sich die pharmazeutische Industrie auch in Österreich bereits intensiv vorbereitet. Was sich für Patienten tatsächlich ändern wird, hängt großteils von der Art des Brexit ab.

Nach aktuellem Stand wird das Vereinigte Königreich am 30. März 2019 ungeordnet aus der Europäischen Union austreten. In Folge könnte es bei einem harten Brexit aufgrund der dann wieder notwendigen Zollabfertigungen zu massiven Lieferverzögerungen und somit zu Engpässen kommen. „Wir bedauern diese Entscheidung des Vereinigten Königreichs. Patienten in Österreich können aber aufatmen. Denn um die Versorgung mit Arzneimitteln in Europa zu sichern, hat sich die pharmazeutische Industrie bereits in den vergangenen Monaten intensiv auf dieses unerwünschte Szenario vorbereitet“, sagt Mag. Alexander Herzog, Generalsekretär der Pharmig.

So haben Unternehmen ihre betroffenen Produkte geprüft und die entsprechenden Zulassungen und die Freigabe der Herstellungschargen aus UK in die verbleibenden EU-27-Länder verlagert. Außerdem wurden Vorkehrungen getroffen, um die Versorgungskontinuität sicherzustellen. Bei einem ungeregelten Austritt des Vereinigten Königreichs würde es sehr wahrscheinlich aufgrund der dann wieder notwendigen Zollabfertigungen an der EU-Außengrenze zu Transportverzögerungen und möglicherweise auch zu Unterbrechungen in der Arzneimittelversorgung kommen. Darüber hinaus muss das Vereinigte Königreich entscheiden, ob es die von ihm ursprünglich maßgeblich mitgestaltete EU-Arzneimittelgesetzgebung weiterverwendet oder eigene Regeln aufstellt. „Trotz aller Vorkehrungen besteht dennoch ein reales, spürbares Risiko für die Arzneimittelversorgung – und zwar in Großbritannien und Europa. Konkret geht es um 500 Millionen Menschen, die auch nach dem Brexit das Recht auf eine einwandfreie Versorgung mit Arzneimitteln besitzen“, betont Herzog, und ergänzt: „Entscheidungen in Zusammenhang mit dem Brexit sollen sich daher stets am Wohl der Patienten orientieren.“

Was sich für einzelne Patienten konkret ändert, kann derzeit seriöser Weise noch nicht gesagt werden. Vorstellbar ist etwa, dass Österreicher, die in England medizinische Hilfe oder Medikamente brauchen, in Vorlage treten müssen. Umgekehrt könnte britischen Staatsbürgern hierzulande das gleiche Schicksal drohen.

In England fürchten offizielle Stellen, dass es jetzt bei bestimmten Medikamenten (etwa Insulin) zu Hamsterkäufen kommt, was die Lage zusätzlich verschlimmern könnte.

 

Gesundheitsminister Matt Hancock versucht, diesen Hamsterkäufen entgegenzuwirken, weil sie erst recht zu Engpässen führen könnten. "Wir sind zuversichtlich, dass im Falle eines ungeordneten Austritts keine Probleme mit der Arzneimittelversorgung geben wird, wenn alle das tun was sie tun sollten", erklärte Hancock in der BBC. Die Regierung habe große Anstrengungen unternommen und "einiges an Steuergeldern investiert", damit die Menschen an ihre Medikamente kämen - egal was bei den Brexit-Verhandlungen herauskomme, so der Minister.

Angesichts des Brexit hat die Regierung die Pharmaunternehmen angewiesen, zusätzliche Vorräte für sechs Wochen anzulegen. Doch Fakt ist auch, dass Medikamente knapper sind denn je. Im vergangenen Oktober standen 45 Medikamente auf der Engpass-Liste, inzwischen werden bereits 80 Medikamente darauf geführt.

Die Gründe dafür sind allerdings vielfältig: Es gibt Schwankungen bei der weltweiten Nachfrage, oder auch Probleme bei den Herstellern. Das Thema sei komplex, sagt Sandra Gidley von der Royal Pharmaceutical Society: "Die Regierung hat die Pharmaunternehmen darum gebeten, einen Vorrat anzulegen. Falls es wegen des Brexit zu Problemen kommen sollte - etwa wegen Zollkontrollen - dann bekommen die Menschen auf diese Weise trotzdem ihre Medikamente."