Skip to main content

Appetit-Bremse im Kleinhirn entdeckt

Neuentdeckter Schaltkreis sendet Stoppsignal für die Nahrungsaufnahme

(23.11.2021) - Überraschender Fund: In unserem Kleinhirn haben Forscher einen zuvor unbekannten Regler für unseren Appetit entdeckt. Der Schaltkreis sendet ein Signal, das Sattheit anzeigt und die Nahrungsaufnahme beendet. Das Spannende daran: Dieses Kleinhirn-Signal übertönt selbst Hungersignale anderer Appetitzentren im Gehirn und funktioniert auch bei einer Diät. Damit könnten diese Neuronen einen neuen Therapieansatz für Menschen mit mangelnder Appetitkontrolle bieten.

Das Wechselspiel von Hunger und Sättigung basiert auf einem komplexen Zusammenspiel verschiedener Organe, Hormone und neuronaler Schaltkreise. Dabei fragen Sensoren den Blutzuckerspiegel und Energiestatus ab und aktivieren unter anderem das Appetitzentrum im Hypothalamus sowie weitere Hirnareale. Diese steuern unser Hungergefühl, reagieren aber auch auf Signale von Darm und Galle, die Völle und Kaloriennachschub anzeigen.

Das Problem jedoch: Bisher haben Therapien, die an diesen Akteuren unserer Appetitregulation ansetzten, eher enttäuschende Ergebnisse erbracht. Zwar können bestimmte Wirkstoffe den Appetit zügeln und ein Sättigungsgefühl hervorrufen. Meist aber haben sie deutliche Nebenwirkungen oder ihre Wirkung hält nicht auf Dauer an – beispielsweise, weil sich unser Gehirn anpasst. „Wirkstoffe, die am Hypothalamus oder Hinterhirn ansetzen, sind offensichtlich keine guten Helfer gegen Übergewicht“, sagt Seniorautor Nicholas Betley von der University of Pennsylvania.

Unerwarteter Fund im Kleinhirn

Doch nun haben Betley und sein Team einen ganz neuen Akteur im Ensemble der Appetit-Kontrolleure entdeckt. Für ihre Studie hatten sie mittels funktioneller Magnetresonanz-Tomografie (fMRT) untersucht, wie das Gehirn von Patienten mit dem Prader-Willi-Syndrom auf Essensreize reagiert. Bei dieser Krankheit löst ein Gendefekt unstillbaren Hunger ohne Sättigungsgefühl aus. Betley, Erstautor Aloysius Low und ihre Kollegen verglichen die Hirnaktivität dieser Patienten mit der gesunder Kontrollpersonen.

Das Ergebnis: Es zeigten sich wie erwartet Unterschiede – aber überraschenderweise in keinem der schon bekannten Appetitzentren. Die einzige Hirnregion, die bei den Prader-Willi-Patienten deutlich schwächer reagierte, war stattdessen das Kleinhirn. „Das Cerebellum stach förmlich heraus – und wir fragten uns alle: Kann das real sein?“, sagt Betley.

Um dieser Frage nachzugehen, führten die Wissenschaftler ergänzende Versuche mit Mäusen durch. Bei diesen regten sie verschiedene Teile des Kleinhirns entweder an oder hemmten sie und beobachteten, wie sich dies auf das Fressverhalten der Tiere auswirkte.

Aktivierung verringert Nahrungsaufnahme drastisch

Und tatsächlich: Wurde eine bestimmte Gruppe von Neuronen im Kleinhirn gehemmt, begannen die Mäuse viel mehr zu fressen als normal. Umgekehrt führte eine Stimulation dieser Kleinhirnkerne dazu, dass die Mäuse 50 bis 75 Prozent weniger Nahrung aufnahmen – und dies unabhängig davon, ob sie zuvor gefastet hatten oder nicht. „Das war so erstaunlich, dass ich erst dachte, da stimmt was nicht“, sagt Betley.

HIER weiterlesen…