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Althofen, wie es singt, lacht und schwitzt!

Standard-Redakteur Peter Illetschko bloggt von seiner Reha in Kärnten.

Althofen: Diabetes ist kein Zuckerschlecken. Deswegen ist es nicht nur wichtig, den Zucker so gut wie möglich "einzustellen", sondern auch Sport zu machen - und ab und zu um eine "Reha" bei der zuständigen Krankenkassa anzusuchen. Das sind drei Wochen Trainingslager, Arbeit an und für sich- der innere Schweinehund, der uns oft spätabends zum Kühlschrank führt, muss für diese Zeit verscheucht werden - und nicht nur das: man verlangt hier auch jede Menge körperliche Aktivität und Muskelaufbau. Da erlebt man schon einiges mit sich selbst und den anderen Kurgästen, da gibt es viele Augenblicke des Staunens, Zweifelns und Verzweifelns um letztlich wie ein gutes, aber schon einige tausend Kilometer fahrenden Auto mit neuen Reifen und auffrisiertem Motor wieder hundertprozentig straßentauglich zu sein. 

Unser Autor Peter Illetschko, Wissenschaftsjournalist beim STANDARD, selbst seit 18 Jahren Typ-1-Diabetiker, begibt sich bereits zum zweiten Mal ins Kur- und Rehabilitationszentrum Humanomed in Althofen im Norden Kärntens. Was er dabei erlebt, davon handelt dieser Blog. Es sind Tests, Schulungen, Untersuchungen und Trainings, die ihn beschäftigen werden. Danach wird er den Diabetes Typ 1 zwar nicht los sein, er wird sich aber fit wie ein Turnschuh fühlen.

16. Mai

Auch als Typ-1-Diabetiker, der die Zuckerkrankheit halbwegs im Griff hat, sollte man sich ab und zu nachschulen lassen. Der Hund liegt bekanntlich im Detail - und das kann gar nicht zu hoch eingeschätzt werden.

Wissen Sie zum Beispiel, dass man als Patient mit Funktioneller Insulin Therapie (FIT) unbedingt Folgendes beachten sollte: Das schnell wirksame Bolus Insulin unbedingt in den Bauch stechen, das lang wirksame basale Insulin in den Oberschenkel?

Gleich bei der ärztlichen Aufnahme durch Dr. Sandra Nowak im Humanomed Zentrum Althofen werde ich das gefragt: “Sehr gut, erste Prüfung bestanden!” sagt sie mit einem Lächeln. Freilich nicht, ohne zu ergänzen: “Und die Stichstelle bitte regelmäßig wechseln!” Jawohl, sagt der gelehrige Schüler, zumal er weiß, dass ansonsten Verhärtungen im Muskelgewebe drohen.

Ich habe mich also wieder auf “Reha” begeben. Der gelernte Österreicher sagt zwar “Kur”, aber das klingt doch zu sehr nach: Es fein haben, ausschließlich entspannen, vielleicht leichte Spaziergänge machen, ansonsten gut leben. Eine Rehabilitation verlangt mehr vom Gast: Eingeschliffene Eß- und Trinkgewohnheiten korrigieren, Bewegung machen, Muskel trainieren und - wie gesagt - sich nachschulen lassen. Aber auch: sich entspannen. Der Journalist in mir, Nachrichten lesen, beim eigenen Thema - Wissenschaft und Forschung bestmöglich am Ball bleiben, den Twitter-Account durchforsten, der muss nun eine Zeit lang Ruhe geben.

Ich werde also an mir und für mich arbeiten. Und da hilft gute Stimmung. Die anderen Patienten und Patientinnen am Esstisch nicht durch schlechte Laune runter zu ziehen - das kommt dann meistens im gleichen Umfang zurück. Natürlich nicht immer auf einem hoch intelligenten Level, manchmal regiert sogar der Schmäh der Pubertät, dann unterhält man sich darüber, dass “Kurschatten” heutzutage “Sternschnuppen” heißt, aber das sollte kein Problem sein. Wem es zu viel wird, der kann ja plötzlich und unerwartet einen Termin bei der Frau Doktor haben - und schnell fertig essen und gehen. Manchmal wird man auch Dinge gefragt, die zwar banal klingen, aber nur eines im Sinn haben: in den drei Wochen Rehabilitation ein angenehmes Miteinander mit Gleichgesinnten zu haben. “Bist Du neich?” erklang es am 15.5., am ersten Tag des Aufenthalts. “Neich” heißt natürlich “neu”, wie Sie sicher wissen. Und später hörte ich: “G’hörst Du zu die Zuckerleut?” Aber ja, dazu gehör ich, wenngleich ich nicht wusste, dass das offenbar schon ein Verein ist.

Gute Stimmung hilft auch Hoppalas und Krisen zu überstehen: Kurz vor der Anreise heftige Zahnschmerzen zu bekommen, das ist schon das Letzte. In meiner Not, checkte ich schnell ein, und besuchte einen Zahnarzt im Ort. Danach fragten mich alle Stationsschwestern und die Ärztin, wie es nun sei, ob der Zahn noch schmerze. Empathie mag zwar ein oberstes Gebot sein, bei Angestellten des Humanomed Zentrums, aber ehrlich: Einstudiert wirkte das nicht. Und es macht zuversichtlich für die nächsten drei Wochen.

20. Mai

Ich gestehe freimütig: Ich mag keine Listen schreiben, auch keine Listen über Broteinheiten (BE) und die dazugehörigen Insulineinheiten (IE). Und wenn ich es dann doch mache,  dann kann das recht chaotisch enden. Ein Haufen von Zahlen und Gekritzel, das bei der Lektüre desselben womöglich Verwirrung verursacht. Das haben die Krankenschwestern im Humanomed Zentrum schon leidvoll sehen müssen - und mich kurz vor dem Wochenende noch einmal entsprechend ermahnt. Sie liegen damit ja völlig richtig: Anpassungen in der Basis-Bolus-Therapie (FIT-Therapie) lassen sich ja sinnvollerweise nur vornehmen, wenn man genau weiß, wie viele BE und Insulin zu welchen Blutzuckerwerten führen.

Am Freitagabend diskutierten die Gäste des Gesundheitszentrums natürlich nicht über Broteinheiten - Ein Video, das plötzlich auftauchte, aufgenommen 2017 in Ibiza, war Gesprächsthema Nummer 1. “Hast Du gedacht, dass der so ein Gauner ist?”, sagt ein weiblicher Gast. Eine andere lacht sarkastisch: “Nein!” Am nächsten Tag sind die Protagonisten des Videos, Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus (FPÖ), zurückgetreten - und die Koalitionsregierung ÖVP/FPÖ ist beendet.

Im Speisesaal hört man Sprüche wie: “Alle Politiker sind gleich”, “Skandal”, “Sauerei”. Und die, die bei Medien immer skeptisch sind, aber gern alles glauben, was an Verschwörungstheorien verbreitet wird:  “Wer weiß, ob das Video nicht gefälscht ist!”.

Sicher nicht deshalb verspannte sich die rechte Schulter auf’s Neue. Und auch der Zahnschmerz kam zurück: Das ist gemein. Aber natürlich fühlt man sich auch am Wochenende nicht alleine gelassen. Der Stützpunkt in der Herzstation ist immer besetzt. 

Eine Rotlichtkamera hilft genauso wie entzündungshemmendes Schmerzmittel. Und natürlich Bettruhe und Wärme. Lästig, aber da muss man durch.

Eine positive Nachricht gibt es noch zu melden: Tresiba, das Basalinsulin von Novo Nordisk, wirkt sehr flach und länger als das Sanofi-Produkt Lantus. Ich habe mich schon in Wien umgewöhnt, konnte aber die Langfristigkeit noch nicht richtig einschätzen. 17 Einheiten alle zwei Tage waren eindeutig zu wenig, nun probiere ich es, selbstverständlich unter ärztlicher Anleitung, mit 14 Einheiten täglich. Es macht also doch Sinn, detailreich Buch zu führen. 

 

21. Mai

Eine kleine Sprachnotiz am Beginn der ersten vollen Reha-Woche:

Heute hab ich etwa 40 Mal “gö” gehört: Weich, ja sanft ausgesprochen kam es daher, aber dafür fast nach jedem Satz. Auch das kann Vehemenz verleihen, zumindest soll es das Gesagte untermauern.

Kärtnerinnen und Kärntner sagen das recht gern, wenn sie etwas erklären wollen. Sie sammeln damit bei manchen Gästen Sympathiepunkte, bei manchen nicht, wieder anderen fällt das gar nicht auf. Jedenfalls bedeutet dieses “Gö” nichts anderes als “”Nicht wahr”, vielleicht auch  “Kannst Du mir folgen?”, “Checkst es?”, “Alles klar!?” oder wie in einem anderen Dialekt zu hören: “Host mi?”

Man hört es hier so häufig wie Verkleinerungsformen: “Brauchen’s a Sackale?” Lieb, oder? Ein Tipp: Wenn möglich, bitte nicht verwundert schauen, sonst hört man gleich darauf folgende Erklärung: “Brauchen Sie ‘ne Tüte!” “Nein, ich komme nicht aus Deutschland, nur aus Wien.”

Das Gegenüber kann einen Hauch von Erleichterung in den Gesichtszügen nicht verbergen. Ich verschweige diskret diese Beobachtung, Und sage: “Wir Wiener sagen höchsten Sackerl, aber niemals Tüte!” Die Antwort “Das klingt ja ähnlich wie unser Sackale” kann man ruhig unkommentiert lassen. Man traut sich fast nicht zu widersprechen, gö?

 

22.05.

Ein Kilogramm Minus auf der Waage nach einer Woche! Ich sehe das positiv - und freue mich. Der Bauchumfang aber ist gleich geblieben, sagt die Stationsschwester mit kritischer Stimme.  “Nein, Schwester, beim ersten Mal Messen vor einer Woche habe ich den Bauch mehr eingezogen als heute, ich schwöre!” Gelächter! Auch Mittwoch früh auf nüchternen Magen ist man noch zum Scherzen aufgelegt. Was sonst? Danach geht es zum Frühstück, man will ja keinen Unterzucker produzieren. Und dann zum Nordic Walking. Was die Trainerin als schön langsam und “kommod” bezeichnet, treibt dem Autor dieser Zeilen die Schweißperlen auf die Stirn. Dabei geht es nur “zum zweiten Bauern” - die Profis unter den Reha-Patienten wissen schon, wohin es geht, und liefern eine typisch österreichische Wegbeschreibung - an Präzision kaum zu überbieten.  “Ein bisschen durch den Wald - und wieder zurück.” Danach geht es zur Schulung, und ich habe den ersten wirklichen Hypo: Schwitzen, Zittern, Herzklopfen. Zwei Stück Traubenzucker sind bekanntlich eine Broteinheit. Ich brauche zwei Broteinheiten, um sicher wieder in den Zielbereich zu gelangen.

Dabei denke ich: Heute lauf ich sicher achtmal den unterirdischen Gang zwischen dem Haus 3 und dem Haus 1 des Humanomed Zentrums Althofen. Der Gang alleine macht schon 200 Schritte. An manchen Tagen betätigt man sich hier als Grüss.-August. “Guten Tag”, “Servas”, “Griassdi”, ein freundliches Lächeln und ein brummiges Kopfnicken. Ich habe alles im Repertoire. Also noch ein Stück Traubenzucker. Sicher ist sicher.

Beim Mittagessen jedenfalls bin ich trotz “Auffüllen” von Broteinheiten noch immer nicht im Überzucker, sicher deshalb, weil ich zuvor beim monitorisierten Ergometertraining war: Blutdruck und Herzfrequenz wurden unter Belastung getestet. Hier beweise ich mich als gewiefter Stratege. Wenn man selbst erst beim Salatbuffet ist, andere aber schon bei der Süßspeise - empfiehlt es sich nämlich, letztere für später sicherzustellen. Desserts werden hier nur reduziert gesüßt. Das darf man, auch als Diabetiker. Wir scherzen über die politische Lage, feixen über K.O.-Tropfen in der Suppe. Ein Tischnachbar sagt zum anderen: "Wow! Du bist schoaf!"

Wird es abends schön bleiben? Wird der Mai endlich ein wenig wärmer? Das mitgebrachte Rad wurde aufgrund der Regengüsse in den vergangenen Tagen auch noch nicht wirklich ausgeführt. Es wird Zeit. Zumal man abends jede Menge Getier hört: Schafe, Frösche, Grillen.

Wo ist eigentlich der Esel hin, der sich hier vor drei Jahren abends immer bemerkbar machte? Ein Reha-Gast sagt: "Vielleicht ist er in die Politik gegangen."

 

24.5.

Abendessen gibt es im Humanomed-Zentrum ab 17:30 Uhr. Sie meinen, dass sei viel zu früh? Dann bedenken Sie bitte, dass die ersten Therapien mitunter um 7 Uhr früh angesetzt sind.

Wer gemütlich isst, sich danach noch einen kleinen Kaffee gönnt, kann außerdem noch einen kleinen Spaziergang unternehmen. Das heißt, genau genommen: Er muss einen “Revers” unterschreiben und bis spätestens 22 Uhr wieder im Haus sein, denn danach wird zugesperrt. Bis dahin heißt es: Zurück in die Anstalt. Gestern bin ich von einem Patienten begleitet worden, dessen zentrales Thema Bluthochdruck ist. Plaudernd geht es sich ja noch leichter.

Tags zuvor habe ich mir eine Radtour eingebildet: Runter nach Althofen, einen Radweg entlang bis zu einer Einfamilienhaus-Siedlung, vorbei an einem Bauernhof mit einem kleinen Tiergarten: Ziegen, Hühner, Kaninchen, ein Hund, alles da! Und zuletzt über einen Feldweg zurück zu einer Straße, die wieder hinauf zum Gesundheitszentrum führt. Schlau, wie ich doch bin, hab ich die zuvor erstandene Pulsuhr eingeweiht. Schon bei der ersten leichten Steigung hat sie gepiepst. Ich stieg also vom Fahrrad ab. Und was sah ich da vor mir? Jenen Esel, den Patienten zuvor schon in der Politik wähnten. Zum Glück hat er sich anders entschieden. Einfach nur Grünzeug essen, das ist aus seiner Sicht jedenfalls sinnstiftender.

Der Weg hinauf zum Reha-Zentrum wurde vom heftigen Piepsen der Pulsuhr begleitet. Zum Glück war der Tischnachbar nicht dabei, der hätte wohl in seiner bekannt seriösen Art gemeint: Bei Dir piepst es wohl! Sehr lustig! Ich machte also immer wieder Pausen, so wie man mir das bei der Ausgabe der Pulsuhr erklärt hatte, und war trotzdem nach einer Stunde wieder in meinem Zimmer - und zufrieden, den Sonnenuntergang an einem der ersten wirklich schönen Maitage des Jahres 2019 im Freien erlebt zu haben.

Und ich war noch wegen einer zweiten Sache glücklich: Das so früh zu mir genommene Abendessen, eine wirklich riesige Portion Gemüsekuchen mit Kartoffeln, schien zumindest annähernd verarbeitet. Den Tischnachbarn, die Reduktionskost am Speiseplan stehen haben, fielen angesichts dieses vollen Tellers die Augen raus. Ich esse ja nur fettreduziert nach Speiseplan mit genau vorgegebenen Broteinheiten (BE). “Das schaut dann nach viel mehr aus, als es ist”, beruhigte die Kellnerin.

Ich war dennoch glücklich, nachher Bewegung machen zu dürfen. Die Kugel, die ich da ohnehin vor mir hertrage, muss ja kein Medizinball werden. Es reicht ja schon Handballgröße.