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2020: Warum heuer auf Fasten im Ramadan verzichtet werden sollte

Am 23. April beginnt heuer der Fastenmonat für Muslime.

Die meisten Muslime mit Diabetes haben trotz ihrer Erkrankung das Bedürfnis, während des Ramadan zu Fasten. Daher haben sich die International Diabetes Federation (IDF) und die Diabetes und Ramadan International Alliance (DAR) zusammengeschlossen und eine umfassende Leitlinie zu diesem Thema verfasst (www.idf.org/guidelines/diabetes-in-ramadan).

Österreichs Muslime nehmen die aufgrund des Coronavirus getroffenen Verbote gut an. Das berichtete die Sprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGÖ). Ein theologischer Rat berät darüber, wie man im Ende April beginnenden Fastenmonat Ramadan damit umgehen wird, sollten die Einschränkungen durch die Regierung bestehen bleiben.

Als allererste Religionsgemeinschaft in Österreich hatte die IGGÖ die Gebetsräumlichkeiten aufgrund der Ansteckungsgefahr noch vor den strikten Vorgaben der Regierung geschlossen und Freitagsgebete in den Moscheen ausgesetzt.

Unsicherheit gibt es unter Muslimen über die Dauer der Maßnahmen. Am 23. April beginnt der Fastenmonat Ramadan. Sollte das Versammlungsverbot bis dahin nicht gelockert sein, werde man auch hier Alternativen überlegen müssen.

Mimoun Azizi, marokkanischer Schriftsteller, Psychiater, Neurologe und Philosoph, verfasste für die Onlineplattform https://www.lokalkompass.de folgenden Bericht zum Thema „Fasten, Coronavirus  und Vorerkrankungen“:

"Niemand ist mehr als ein Mensch und niemand ist weniger als ein Mensch" Azizi

Am 23.4.2020 beginnt die Fastenzeit, der Ramadan. In der islamischen Welt fasten sehr viele. Darunter auch Menschen mit Vorerkrankungen und die Medikamente einnehmen müssen. Bis dato konnte man durch die zeitliche Verschiebung der Medikamenteneinnahme problemlos fasten. Doch aufgrund der Corona-Pandemie ist es aktuell sehr gefährlich zu fasten.

Es ist unbestritten, dass das Fasten sehr viele gesunde Aspekte hat und uns Muslimen vorgeschrieben ist. Ich gebe jedoch zu bedenken, dass Menschen, die bereits vorerkrankt sind, durch Verzicht auf Flüssigkeit und Medikamente vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang erheblich geschwächt sein werden und damit für das Virus sehr anfällig wären.

Keine Vorerkrankung sollte unterschätzt werden. Hierzu gehören der Diabetes mellitus, Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, Herzinsuffizienz, stattgehabte Infarkte (Herzinfarkte, cerebrale Infarkte), Niereninsuffizienz, Epilepsien, andere Stoffwechselstörungen, Tumore, um nur einige zu nennen. Im Ramadan verzichten die Muslime sowohl auf das Essen als auch auf das Trinken. Das ist für kranke und geschwächte Menschen nicht ungefährlich. Auch Menschen, die unter Sarkopenie oder Kachexie leiden, sind enorm gefährdet.

Das könnte bei bereits erkrankten Menschen und älteren Menschen zu Exikkosen (Austrocknung durch Abnahme des Körperwassers - sie ist die Folge einer Dehydratation) und zu einer allgemeinen Reduzierung der Immunabwehr führen.

Das wiederum könnte dazu führen, dass viele alleine aufgrund der Exikkose intensivpflichtig werden. Doch wir müssen im Auge behalten, dass aufgrund der Corona-Krise die Intensivbetten sehr knapp sind, daher sollte noch einmal darüber nachgedacht werden! Alleine das Alter an sich stellt in dieser Konstellation mit dem Coronavirus eine erhebliche Gefährdung der eigenen Gesundheit dar wie auch die Gesundheit der anderen, denn sie könnten als Träger fungieren oder unnötig ein Intensivbett belegen! 

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Muslime sich auf die Fastenzeit freuen. In diesem Falle jedoch könnte das schwerwiegende Folgen haben und wir könnten dadurch viele Menschen verlieren und das Gesundheitssystem insbesondere in schwachen Ländern zum Kollaps führen.

Der Islam erlaubt in schwierigen Zeiten andere Vorgehensweisen.
Statt des Fastens kann man das Geld für medizinische Zwecke und für arme Familien spenden. In diesen Zeiten können viele Menschen, die Ihre Arbeit verloren haben, Hilfe gebrauchen. Hier insbesondere in den muslimischen Ländern (Ausnahme Golfstaaten), wo kein staatliches Sozialsystem existiert.

Es gilt:

Nur wer das Fasten, so wie es im Islam vorgeschrieben ist, ohne gesundheitlichen Schaden durchführen können, ist zu diesem Gebot verpflichtet. Deshalb sind Kranke, Altersschwache, Schwangere, stillende Mütter, Frauen in der Menstruation und ähnliche Personengruppen von dieser Pflicht ausgenommen. Personen, deren gesundheitliche Situation sich voraussichtlich nicht bessern wird wie z.B. chronisch Kranke oder Altersschwache, sollen für jeden im Ramadan versäumten Fastentag einen Bedürftigen speisen (Fidya). Andere, die unter die Ausnahmeregelung fallen und deren Situation sich bessern wird wie z.B. Schwangere, stillende Mütter etc. holen die versäumten Fastentage zu einem späteren Zeitpunkt nach.

Die Corona-Krise ist eine Ausnahmesituation und wir müssen besonnen reagieren.
Wir haben zwei Optionen, um für uns eine befriedigende Lösung zu finden. Wir können entweder spenden oder die Fastenzeit nachholen. Natürlich können sie gerne beides kombinieren.

Bitte bedenken Sie, dass wir damit Menschenleben retten. das ist im Sinne des Islam!

Wer ein Menschenleben rettet, der rettet die Welt!

So Gott will

Mimoun Azizi

 

Checkliste: Tipps für das Fasten zum Ramadan

Menschen mit Diabetes Typ 1 oder Typ 2 können zum Ramadan fasten. Damit der Stoffwechsel dabei nicht durcheinanderkommt, gilt es folgende Regeln zu beachten:

  • Absprache mit einem Diabetes-Experten

Sie sollten vor dem Fasten unbedingt mit ihrem Arzt, Diabetologen oder Diabetesberater sprechen, ob Sie in der gesundheitlichen Verfassung dazu sind.

  • Testphase

Um mögliche Komplikationen zu vermeiden, sollten Sie einige Wochen vor dem Ramadan/Ostern für einige Tage zur Probe fasten. So können Sie herausfinden, wie Ihr Körper in dieser Phase reagiert und ob er die Belastung aushält.

  • Therapie umstellen –Unterzuckerungen vermeiden

Ihr Arzt berät Sie auch, wie Sie Ihre Therapie mit Insulin und Tabletten, die den Blutzucker senken umstellen. Orale Antidiabetika können bei mehrtägigem Fasten ohne feste Nahrungsaufnahme in der Regel abgesetzt werden, nicht aber während des Ramadan-Fastens. Wer Insulin spritzt, sollte sich auf Verzögerungsinsuline beschränken. Achtung: Wer mehrere Tage fastet und ohne feste Nahrung auskommt, vorher aber auf Basalinsulin eingestellt ist, muss auch während des Fastens Basalinsulin spritzen. Nur so können Sie gefährliche Überzuckerungen vermeiden! Achtung: Kritisch sind vor allem die Morgenstunden. Denn Insulin und andere blutzuckersenkende Arzneimittelkönnen trotzgleicher Dosierung eine gefährliche Unterzuckerung verursachen.

  • Blutzuckerwerte öfter checken

Während des Fastens sollten Sie Ihre Blutzuckerwerte häufiger überprüfen als normalerweise–insbesondere während des Ramadans. Denn oft wird zu dieser Zeitüppiger gegessen als in den anderen elf Monaten. Die Blutzuckereinstellung kann sich während dieser Zeit verschlechtern. Es gilt: Wenn Sie sich unwohl fühlen, checken Sie umgehend Ihren Blutzuckerwert! Ist er zu hoch, müssen Sie blutzuckersenkende Medikamente einnehmen, ist er zu niedrig, essen sie schnell wirksame Kohlenhydrate, auch wenn Sie dadurch das Fasten brechen.

  • Genug Wasser trinken

Ganz wichtig: Beim Fastenbrechen ausreichend Wasser oder ungesüßten Tee trinken, um den Körper vor Austrocknung zu schützen. Deshalb gilt: Beenden Sie das Fasten, wenn Sie sich dehydriert fühlen und trinken Sie viel Wasser! Anzeichen einer Dehydrierung sind: Verwirrtheit, Orientierungslosigkeit oder ein Zusammenbruch.

Extra-Tipp zum Ramadan: Nicht zu süß und nicht zu fettig essen

Achten Sie während der Fastenzeit darauf, weder zu süße noch zu fettige Mahlzeiten zu sich zu nehmen–so vermeiden Sie starke Blutzuckerschwankungen. Nehmen Sie stattdessen stärkehaltige Kohlenhydrate zu sich, wie etwa vollkornhaltiges Brot, Reis mit Bohnen oder Haferflocken.

Tipp: Grieß und Fladenbrot sind gut, um den Blutzuckerspiegel stabil zu halten. Denken Sie daran, langsam und kleine Portionen zu essen. Essen Sie diese lieber vor dem Sonnenaufgang (Sahur), statt nach Mitternacht. So erreichen Sie ausgewogenere Blutzuckerspiegel für den Tag.